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Die Gründung Ulfurstuds

Autor(en): Moira Wolfsfell

Die Planwagen rappelten über steinige Wege, und die Tautropfen, die sich des Nachts in Feld und Büschen versteckt hatten, glitzerten munter in der Sonne und begrüßten den neuen Tag. Wir waren die Nacht hindurch gefahren, da wir seit Wochen keinen guten Weideplatz finden konnten. In der letzten Zeit war es kälter als üblich gewesen, der Boden gefroren, die sonst wenigstens spärliche Vegetation fast vollständig verschwunden. Die Jakhs hatten Hunger, und auch wir mußten schon auf unsere gesalzenen Vorräte zurückgreifen.
Ich erwachte am Morgen, als ein Sonnenstrahl, der sich durch eine Ritze der Plane geschlichen hatte, meine Nase kitzelte und meine Augen blendete. Ich zog die Plane ein Stück zur Seite und schaute hinaus auf ein Tal. Vor meinem Auge lag eine wunderschöne Landschaft, grüne Wiesen, auf denen sich weiße Felder von Schnee ausgebreitet hatten, große, alte Bäume und hohe, schneebedeckte Berge. Es war, als würde ein Silberstreifen das Tal durchziehen, erst auf den zweiten Blick erkannte ich, daß es ein Fluß war, der das Land zu dem machte, was es war.
Ich sprang aus dem Wagen und verharrte schweigend am Wegesrand. Die anderen meines Stammes schauten ebenso ehrfürchtig hinab ins Tal wie ich, andere wieder stießen kleine Jubelschreie aus - verständlich, hatten wir doch geglaubt, daß die üppigen Wiesen und reichen Flüsse für die nächsten Monate ein Traum bleiben würden.
Die Planwagen rollten den Pfad ins Tal hinab, und schon wurde eine riesige Wagenburg erbaut. Die Frauen schöpften Wasser aus dem kühlen Fluß und füllten damit die Fässer, die Männer machten sich daran, Fische mit Netzen zu fangen und im Wald nach Rehen und Wildschweinen Ausschau zu halten. Abends saßen wir dann erschöpft bei einem mächtigen Lagerfeuer beisammen und erfreuten uns an den vielen Sternen, die in dieser Nacht auf uns herabschauen sollten.
Ich dankte Hoeggr dafür, daß er uns an diesen Ort geführt hatte. In meinem Innersten wußte ich, daß ich, auch wenn die Wagen längst weitergefahren sind, an diesen Ort zurückkehren und bleiben würde.

Es sollten 2 Jahre vergehen, bis ich diesen Ort wieder sehen sollte, 2 Jahre, in denen viel passierte: doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Es war Sommer, als mein Jakh mich die damals gefahrenen Wege hinab in das Tal trug, an das ich einst mein Herz verloren hatte. Noch immer verführte der silberne Fluß dazu, zu verharren, seine Blicke über das Tal streifen zu lassen, und gedankenverloren die Zeit zu vergessen.
Doch ich hatte einen Auftrag:
Grisgrim, Werir der Heden, hatte mir befohlen, eine Stadt zu gründen. Es war wie ein Traum, der in Erfüllung ging. Das Nomadenleben sollte - jedenfalls für eine Weile - ein Ende haben, und ich, Moira Wolfsfell sollte die erste Hedin sein, die sich vom ewigen Umherziehen loslösen und ein Denkmal für die Heden erbauen würde. Ich wußte, daß ich es schwer haben würde, mich vor den Menschen meines Stammes dafür zu rechtfertigen, dem Nomadenleben abzuschwören. Ein Hede, der seßhaft wird? Lächerlich! Und dennoch. Ich war des Wanderns müde, ich hatte in meinem kurzen Leben schon so viel gesehen, hatte fast ganz Waligoi bereist, erinnerte mich an Hymirfahrten und an den erinnerungswürdigen Tag, als ich Yggrgard zum ersten Mal sah.

Ich hatte meine Heimat verloren, als ich meine Familie verlor. Und nun würde ich ein neues Zuhause haben. Ein fester Ort mit Menschen, die ich früher oder später zu meiner Familie zählen wollte.
Stolz blickte ich auf das Land, welches in nicht allzu ferner Zukunft meine Heimat werden sollte. Ich erhob meinen Arm, und dutzende Planwagen, deren Mennr und Kunnyren mir, um sich an einem neuen Ort niederzulassen, gefolgt waren, setzten sich in Bewegung. Das Klappern und Dröhnen der beschlagenen Räder verwob sich in meinem Innern zu einer wunderschönen Melodie, die mich erschaudern ließ. Ich trat meinem Yakh in die breiten Flanken und ritt an dem Zug vorbei ins Tal. Nicht viel später stand ich auf einer kleinen Lichtung, an den Heiligen Runensteinen. Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte man diese gefunden und als die älteste heilige Stätte der Walis erkannt. Riesige Steine, höher als 3 Mennr, stark und ehrfurchtsgebietend; und so verharrte ich einen Moment, um sie mit köstlichem Met zu weihen.

Ich gebot den langsam eintreffenden Siedlern, Ihre Planwagen den Ort zu stellen, an dem später der Thingplatz sein würde. Dann begannen wir mit dem wichtigsten Gebäude der Stadt:
Dem Gasthaus.



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