Feiern bis der Arzt kommt...
Autor(en): Julien Devereux
Feiern bis der Arzt kommt - oder:Meine Ankunft in Ulfurstud
"Ah", dachte ich bei mir, "wir nähern uns dem Gyldurfjord.". Schon seit einiger Zeit war mir die stetig wachsende Anzahl an Brieftauben aufgefallen. Bestückt mit kleinen Ledertaschen, Mappen und ähnlichen Behältnissen für wichtige Dokumente, zum Teil schwer mit der Last kämpfend, zogen sie zielstrebig an uns vorbei. "Ja, Ulfurstud scheint wirklich eine aufstrebende Stadt zu sein." Nur wenig später wurden die Segel eingeholt, woraufhin sich die Fahrt der "Vlaijing Datschmaehn" verlangsamte. Wir näherten uns der Landungsbrücke und schon konnte ich ein lustiges buntes Völkchen beobachten, welches sich zu unserem Empfang bereitstellte. Wie würde sie wohl sein - sie, Moira Wolfsfell - die junge, tüchtige Statthalterin, deren guter Ruf sich zwischenzeitlich weit über Waligoi hinaus verbreitet hatte. Nach ihren Briefen zu urteilen - und auch nach den Berichten der Seeleute, die regelmäßig Passagiere und Güter nach Ulfurstud brachten - war sie ein richtiges "Teufelsweib". Ja, sie hatte nicht nur ein Händchen fürs Geschäftliche, auch ihr Umgang mit den Bewohnern war der einer solch herausragenden Persönlichkeit mehr als angemessen. Ich kann es nicht verhehlen - still stieg in mir ein fast schon vergessenes Gefühl der Vorfreude auf.
Nun galt es, unsere drei stattlichen Planwagen bereit zu machen. Fréderic, mein langjähriger Gehilfe und Ziehsohn, kümmerte sich um unsere Zugtiere, Gaylaen, selbst zwischenzeitlich ein erfahrener Cheirourgós, wies die uns zur Hilfe geeilten Seeleute und Hafenarbeiter ein. Das Ziel unserer Reise lag zum Greifen nahe.
Kaum war das Schiff an der Mole vertäut, begann großer Jubel unter den Wartenden. Ob wohl alle Neuankömmlinge so begrüßt wurden? Nun ja, Moira hatte mir mehrfach mitgeteilt, wie sehr sie unserer Ankunft harren würde, gab es doch aufgrund der regen und manchmal auch nicht ungefährlichen Bauarbeiten - hatten doch einige der zukünftigen Bewohner gar eigenwillige Vorstellungen von ihrer zukünftigen Behausung - mehr als ausreichend Schrammen und Blessuren bei den vielen Arbeitskräften zu kurieren; auch war der Bedarf an Heilkunst bei den vielen Ausländern, die an das Ulfurstuder Klima noch nicht gewöhnt waren, sehr hoch. "Es gibt viel zu tun", lächelte ich, "packen wir´s an!"
Unter tatkräftiger Mithilfe der Anwesenden wurde die "Vlaijing Datschmaehn" entladen und nur wenig später zog sich ein langer Zug - einem Festzug gleich - entlang der Hauptstrasse Richtung Thingplatz, um dann bei der Schwitzhütte nach Wes abzubiegen. Zwischen Schwitzhütte und Waffenschmiede lag das zur Apotheke auserkorene Gebäude. Ein großer, stattlicher Bau, durch dessen freundlich und einladend gestaltete Fenster ich auf eine Vielzahl nach bester Zimmermannsart gebauter Regale blickte.
Wir hielten an, und just in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine junge, blendend aussehende Erscheinung trat hinaus ins Sonnenlicht. "Yrr kvedret, teurer Freund!" hob sie mit ihrer bei aller Weiblichkeit doch kräftigen und ausdrucksstarken Stimme an. "Willkommen in Ulfurstud. Willkommen in Eurem neuen Zuhause."
"Yrr kvedret, ehrenwerte Moira Wolfsfell!", antwortete ich erfreut, "ich bin sehr glücklich, Euch endlich persönlich begrüßen zu dürfen." Und nach einer kurzen Pause: "Wahrlich ein treffliches Gebäude, welches aufgrund seines Standortes nicht besser sein könnte. Ein schöneres Willkommensgeschenk hättet Ihr mir und meinen Gehilfen nicht machen können. Ich bin Euch zu tiefstem Dank verpflichtet."
"Aber nein, der Dank gebührt Euch", entgegnete sie mir. "Die Stadt braucht schon lange einen erfahrenen Heilkundigen. Darum zögert nicht lange, richtet Euch ein, und beginnt so bald als möglich mit Eurer Arbeit!"
"Nun, ehrenwerte Kunnyr Wolfsfell, ich möchte Euch und den Bürgern von Ulfurstud meine Anerkennung und Hochachtung aussprechen. Aus diesem Grund habe ich auch eine Überraschung mitgebracht. Sie soll Euch allen gegenüber immerfort bezeugen, wie sehr ich diese Stadt als meine zukünftige Heimat lieben und in Ehren halten werde."
Freudestrahlend bat ich Fréderic, das besagte Zeugnis aus dem Wagen zu holen. In ein rotsamtenes Tuch gehüllt, brachte ich selbst es bis zur Tür, befestigte es an einem dort angebrachten Nagel und reichte Moira die an der Umhüllung befestigte Kordel, auf dass sie das Werk enthülle. Sie zog - und im selben Augenblick verstummte jegliches Geräusch. Grabesstille! Betroffenes Schweigen beherrschte die eben noch heiter-lustige Gesellschaft. Erstaunt sah ich in die Augen der Bewohner. Was war geschehen?
Augenblicke, die mir wie Stunden vorkamen, später: Die Stille hatte zwischenzeitlich bedrohliche Ausmaße angenommen. Bei Höggr!
Nun sollte doch wirklich etwas geschehen. Prächtige goldene Runen auf karmesinrotem Grund! Mein ganzer Stolz! Ich sah noch das Leuchten in den Augen des Schiffszimmermannes, der sich so bereitwillig angeboten hatte, dieses Meisterwerk an ortstypischer Handwerkskunst zu fertigen!
Urplötzlich begann sich Moiras Gesicht bedenklich zu verfärben - zunächst kräftig rot, so zeigte ihr sonnengebräunter Teint schon kurze Zeit später eine zarte Violettfärbung. Ihre Wangen plusterten sich auf, die Lippen begannen zu beben - und ein lautes Gelächter durchbrach den lautlosen Raum.
Noch immer waren die Augen der Bewohner Ulfurstuds höchst irritiert auf mich gerichtet.
"Julien Devereux - Giftmischer - Knochenbrecher und Scharlatan", purzelten die Worte nur so aus ihrem Mund, "oh mein Freund, wahrlich, da habt Ihr Euch einen schönen Bären aufbinden lassen!"
Während ich noch immer ungläubig in die Menge starrte, und meine Gehilfen verlegen von einem Bein auf das andere wechselten, begann nun auch die Menge in das Gelächter ihrer Stadthalterin einzustimmen.
"Es mag ja sein, dass Ihr ein weitgereister, welt- und lebenserfahrener Chirorgos seit, aber das Lesen und Schreiben von Runen, scheint nun wirklich nicht Eure Stärke zu sein. Was haltet Ihr davon, wenn ich Euch und Euren Gehilfen als Willkommensgeschenk unserer Studur einen Schnupperkurs an unserer Schule offeriere?"
Mit diesen Worten reichte sie uns ein großes Horn mit köstlicher Yakhmilch und unter dem freundlichen Gejohle der Bewohner zogen wir fröhlich in die Taverne "Zum plappernden Wolf" ein, wo unsere Ankunft unter großer Anteilnahme der Bevölkerung bis spät in die Nacht hinein gefeiert wurde.
Wahrlich, ein denkwürdiger Tag im Leben einer denkwürdigen Stadt!