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Die Ankunft von Julien, dem Knochenbrecher

Autor(en): Moira Wolfsfell

Hei, war das ein Spaß! Noch Tage danach war ich auf der Suche nach dem walischen Zimmermann, der dem Chirorgos Julien Devereux ein so verrücktes Schild gefertigt hatte! "Giftmischer - Knochenbrecher und Scharlatan"

Es war der erste wichtige Besuch, den ich in Ulfurstud willkommen heißen durfte, mit Ausnahme meines edlen Werirs natürlich, der zu diesem Zeitpunkt im Höfdhingsrathsgebäude saß und "wichtige Dinge" zu erledigen hatte, wie er sagte. Aufwendig hatte ich die Begrüßung meines neugewonnenen Freundes vorbereitet. Schon seit dem frühen Morgen hatte ich den Bürgern der Studur aufgetragen, ein Festmahl zu kochen, den Hedensaft abzufüllen, die Studur mit bunten, kolonialfarbenen Fahnen zu schmücken und die Straßen zu kehren, um den Chirorgos würdig zu empfangen. Doch nicht einmal ich hatte diesen Menschenauflauf erwartet, als das Skepp des Mannr endlich am Horizont zu sichten war. Die kleinen und großen Verletzungen, die Krankheiten und das Unwohlsein waren, so scheint es, nicht der einzige Grund, weshalb der Hafen von Menschen überfüllt war. Die Neugier trieb die Leute auf die Straßen, das Interesse an einem Mannr, der von so weit her gereist kam, seine eigene Heimat verließ, um ihnen zu helfen. Doch wenn ich ehrlich bin, war ich wohl die neugierigste von allen. Die Briefe, die in den letzten Wochen zwischen Julien und mir geschrieben wurden, hatten uns einander vertraut gemacht, obwohl wir uns bislang noch nie erblickt hatten. Ich wußte, zwischen uns beiden hatte sich ein Band geknüpft, das zu zerreißen sicherlich schwierig werden würde. Als ich ihn nun vom Skepp steigen sah, war ich freudig überrascht. Nun, er war älter, als ich es mir vorgestellt hatte, doch schon von weitem erkannte ich seine phantastische Ausstrahlung: Hoch im Wuchs, breit in den Schultern - eben ein gestandener Mannr, erfahren in seinem Leben, doch jung in seinem Herzen. Seine Augen, die mich von dem Moment an, da er das Skepp verließ, einfingen, gaben mich nicht mehr frei. Wieviel mußte der Mannr schon erlebt haben, wie viele tragische Momente erlebt, und wie viele schöne Dinge verpaßt haben, die sein Leben hätten lebenswert machen sollen. Sein Blick war auf der Suche, eine rastlose Unruhe, die ihn bereits vor Jahren gepackt haben muß, doch ich konnte den Grund für sein Unglück in dieser kurzen Zeit des Blickkontakts nicht erkennen. Wir begrüßten uns wie alte Freunde, die sich lange nicht mehr gesehen hatten. Fast überkam es mich, ihn freundschaftlich in den Arm zu nehmen, doch dann besann ich mich schnell eines besseren und streckte ihm meine Hand zur Begrüßung entgegen. Stolz zeigte ich ihm die Studur und das Hyrd, in welchem er von nun an seine Arbeit als Chirorgos verrichten würde und lud ihn - nachdem er sich von dem besagten Zimmermann einen Wolf hat aufbinden lassen - zum Trost auf ein Hunr Yakhmilch ein. Sofort war mein Werir zur Stelle, denn dort, wo Yakhmilch oder Hedensaft fließt, ist er nicht weit! Es wurde sehr spät, und Julien war froh, daß der Weg zu seinem Hyrd nicht weit war. Ein Glanzstück der Stadthalterin, den Apotheker genau gegenüber der Gaststätte einzuquartieren: Die Tage der Schmerzen nach dem übermäßigen Genuß von Yakhmilch waren gezählt - ich war mir sicher, Julien würde gegen jeden schweren Kopf ein Mittelchen besitzen. Ich klopfte mir grinsend auf die Schulter, was mir einige befremdliche Blicke einbrachte, doch dank der besänftigenden Wirkung der Yakhmilch vergaß ich schnell, weshalb ich so seltsam bestaunt ward und leerte mein siebentes Hunr in einem Zuge.



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