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Die Geburtenflut

Autor(en): Nedde

Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen! 20 Jakhweibchen sollen im Nor der von dem größenwahnsinnigen Werir Grisgrim und der verrückten Wolfsfell gegründeten Studur geworfen haben! Das war kein gutes Omen... Wenige Tage später wurde der Traum, mit dem ich die letzten Nächte geteilt und der mir unendliche Stunden des Wachens und Grübelns beschert hatte, wahr. Zahllose Kunnyren aus der Gegend kamen zu mir: Hochschwanger, mit dicken Bäuchen zogen sie heran, verzweifelt und entkräftet von der Reise aus ihren teils nahegelegenen, teils weit entfernt liegenden Lagern. Ich hatte schon oft Barningen zur Welt gebracht, ein bis zwei, manchmal sogar auch drei, doch das kam selten vor. Nur an diesem Tage war ich in meinem Glauben an das Gleichgewicht der Natur erschüttert. Es waren zu viele, als daß ich der Arbeit Herr werden konnte. Einige der Kunnyren saßen still auf ihrem Wagen und warteten beharrlich, daß ich mich um sie kümmerte, andere wiederum schrien vor Schmerzen, waren der Ohnmacht nahe. Bei diesen galt es, so schnell wie möglich ihre Barningen zur Welt zu bringen. Die Menn der Schwangeren waren mir keine große Hilfe. Aufgeregt und agressiv stürmten sie zwischen ihrer Kunnyr und mir hin und her, beknieten mich, ihnen zu helfen, das Barning doch endlich zur Welt zu bringen, und dem ganzen Spuk der Geburt ein Ende zu bereiten. Doch ich konnte nichts tun. Es war das erste Mal, daß ich als Weise Frau machtlos war; selbst fast den Tränen nahe, da ich nichts anderes tun konnte, als die Menn wegzustoßen und die am lautesten schreienden Kunnyren zu beruhigen. Ich hatte keine Wahl: "Wie heißt dieser Quacksalber aus Ulfurstud?" rief ich in die Menge. Sofort wurde es still. "Försakret, ich kann Euch nicht allen zugleich helfen! Versteht das doch! Diejenigen, die es bis hierher geschafft haben, werden auch den Weg bis zur Studur schaffen!" Und böse fügte ich hinzu:"Habt Euch nicht so!" Ich deutete auf die 5 Frauen, die bereits seit einiger Zeit in starken Wehen lagen. "Ihr bleibt hier, Eure Barningen werde ich schon noch aus Euch herauskriegen. Die anderen", ich drehte mich um und schaute in die Gesichter der verblüfften Schwangeren und deren Menn, "verschwinden!" Ein Raunen ging durch die Menge, doch jeder tat, wie ihm geheißen ward. Ein bitteres Gefühl breitete sich in meinem Magen aus und entwurzelte den sonst innigen Glauben an meine Kräfte als Weise Frau. "Hoffentlich schafft dieser Knochenbrecher das..." betete ich still in die Abenddämmerung. Doch wenige Sekunden später weckte mich ein Aufschrei aus meiner Erschöpfung. "Kommt her! Es...es kommt!" Die Nacht ging vorbei und zusammen mit dem neuen Tag wurden 12 kleine Barningen geboren. Zu Tode erschöpft ließ ich mich auf einem Stuhl nieder und schloß meine Augen. "Devereux", fiel mir der Name des sich selbst "Chirorgos" nennenden Mannr ein. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Wie er wohl die Nacht verbracht hatte?

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Es war furchtbar! Das Blut klebte überall: am Boden, an der dicken Kunnyr und an Julien. Der Mannr der Schwangeren war unglaublich aufgeregt: Ständig stammelte er davon, daß die Weisen Frauen völlig überfordert wären, daß in seinem hedischen Stamm bereits gestern fünf Barningen geboren wurden, heute schon vier. Die Weise Frau sei am Ende, schickte sie mehr oder weniger wohlwollend nach Ulfurstud, um das Leben der Mutter zu retten, die ohne weitere Hilfe sicherlich bei der Geburt sterben würde. Er wäre keine große Hilfe gewesen wäre, also schob ich ihn kurzerhand aus dem Raum und sagte ihm, er soll in den "Plappernden Wolf" hinübergehen, um sich einen Hedensaft ausschenken zu lassen. Allmählich sollte ich mir Gedanken über meine Geschäftstüchtigkeit machen, so ich doch noch nicht ein Hunr verkauft, sondern alle umsonst ausgegeben hatte - aber dies war eine Überlegung, die ich gerade in diesem Moment nicht anstellen durfte. Es galt, einem Barning auf die Welt zu helfen!

Die ganze Sache war mir unbekannt und nicht ganz geheuer. Mit sicheren Bewegungen, festen Blickes und starker Stimme war Julien dabei, die Kunnyr gleichermaßen zu beruhigen, wie ihr zu helfen, den richtigen Atem zu finden. "Und jetzt preßt!" sagte er ruhig aber bestimmt, und die Kunnyr gehorchte. Auch ich war von seinen Worten so gefesselt, daß ich begann, im gleichen Schlag zusammen mit der Kunnyr zu atmen und meine Bauchmuskeln anzuspannen.

Es dauerte nicht lange, bis der Kopf eines kleinen Barning aus der Kunnyr hervorlugte. Ein seltsamer Anblick, dachte ich mir, als Julien das Barning auch schon an den Füßen packte und mit einem Ruck aus der schnaufenden Mutter herauszog. Er drehte sich zu mir um, hielt mir das schreiende Barning entgegen, und als ich es nahm, schnitt er mit einem scharfen Messer die Verbindung zwischen Mutter und Kind entzwei. "Das war noch nicht alles", murmelte er, als ich unbeholfen mit dem Barning durch das Zimmer lief, verzweifelt auf der Suche nach einem Tisch, Stuhl oder sonstigem, wo ich das plärrende Etwas ablegen könnte. "Moira! Kommt her!" rief Julien in diesem Augenblick. Ich drehte mich um, und wieder hielt er mir ein blutverschmiertes, kleines Ding entgegen. Ich nahm dieses in die zweite Hand und stand - zugegebener Maßen ziemlich verzweifelt - mitten im Zimmer."Die Tücher, Moira, schnell!" rief Julien ungeduldig. Doch ich hatte einfach alle Hände voll zu tun. "Tisch", murmelte ich verwirrt, "Barning...am besten Boden. Egal."

"Was soll ich tun?" hörte ich dumpf, wie durch einen Nebel eine vertraute Stimme im Hintergrund.
"Helft Moira. Ich schaff`s allein!" antwortete die Stimme des Apothekers.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter, die andere faßte an mein Kinn, drehte meinen Kopf herum. "Moira, heh!" Ich las die Worte von des Werirs Lippen, doch hören konnte ich ihn nicht. "Gebt her, ich mach das." Ich stand wie betäubt mitten im Raum und ließ es zu, daß mein Werir mir die Barningen abnahm, gleichzeitig (wie machte er das nur?) ein Tuch auf dem Boden ausbreitete und die Barningen auf denselben legte. "Setzt Euch daneben", befahl er mir in sanften Ton und ich gehorchte.

"Vierlinge", so hörte ich Julien einige Stunden später erzählen, "sind nicht so selten, wie man dies glauben könnte. Und dennoch ist man nie darauf vorbereitet. Doch dank großartiger Hilfe", dabei nickte er mir und meinem Werir aufmunternd zu, "haben wir es geschafft, daß Mutter und Barningen wohlauf sind."
Ich errötete. Wenn hier jemand eine Hilfe gewesen ist, so Grisgrim. Ich hatte kläglich versagt, bin überfordert gewesen und fühlte mich jetzt, nachdem alles vorbei war, als ob mir jemand mit 3 Barnings über den Schädel gehauen hätte. "Devereux!" Ein Mannr, der vielleicht 20 Lenze auf dem Buckel hatte, sprang zur Tür des "Plappernden Wolfes" hinein. "Devereux! Meine Kunnyr bekommt ein Barning!"
Ich erbleichte, sog die schwere Tavernenluft in mich hinein und lehnte mich zurück. "Eine Yakhmilch für die Stadthalterin!" schrie ich quer durch den Raum - und seufzte.



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