Vollmond über Ulfurstud
Autor(en): Stefan Vandenberg
Letitia de la Fontayne, die berühmt-berüchtigte Kurtisane aus Chryseea, die Abenteuerin und Hasadeuse, die den Rufen der Stadthalterin von Ulfurstud gefolgt war, erwachte schweißgebadet im sanften Licht des vollen Mondes. Ihre Laken - die wenigen Tücher im Gasthaus "Zum plappernden Wolf", die noch nicht für die noch immer anhaltenden Ströme von Gebärenden Verwendung gefunden hatten - klebten aufreizend an ihrem wohlgeformten Körper. Ihre Wangen in rosigem Schimmer feucht glänzend, das lange, blond-gewellte, mit silbernen Strähnen durchzogene Haar, hatte sich förmlich an ihrem Nacken und ihren wohlgeformten, apfelförmigen Brüsten festgesogen. Die Narben - Zeugnisse ihres bewegten Lebens - anmutige rote Linien von weißen Höfen gesäumt, vollendeten das Abbild ihrer ungebändigten, wilden Schönheit.Ein Gefühl von Enge umgab sie. Ihr heißer Atem erstarb zu einem Röcheln. Würgendes Husten setzte ein und ließ sie erschrocken an ihren Kehlkopf greifen. Metall, heißes feuchtes Metall hielt ihren Hals fest umklammert. Ein Schmuckstück, dessen massive, grobgliedrige Kette im Laufe der Nacht in ihren Nacken gerutscht war, und dessen Mittelstück nun mit einem unbeschreiblichen Gewicht auf ihr lastete. In einem letzten Aufbegehren riss sie die Fessel nach vorn.
Angewidert doch interessiert betrachtete sie den fast handtellergroßen Anhänger, dessen Fassung aus rankenförmig angeordneten, mit länglichen Blättern versehenen, silbrigen Metallbügeln einen auf magische Weise leuchtenden, weißbläulichen Stein trug. "Fast wie ein zweiter Mond", dachte sie verzückt bei sich. Dies waren jedoch die letzten eigenen Gedanken, die sie zu fassen im Stande war. Was danach geschah, übertraf alles, was sie in ihrem Leben bisher gesehen oder gehört hatte.
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