Frei!
Autor(en): Moira Wolfsfell
Meine Augen suchten einen festen Punkt im Raum. Doch sogar der Thingkhan, der eigentlich ruhig und stark auf seinem Platze sitzen sollte, schwankte und drehte sich munter, wie auch der Rest des Raumes schwankte und sich drehte."Moira Wolfsfell!" hörte ich eine vertraute Stimme hinter mir rufen. "Nicht so schnell! Wir müssen noch etwas besprechen!"
Schlagartig drehte ich mich um und erblickte, erst verwischt, dann doppelt, dann doch immer schärfer werdend, Jedder van Dijk, der langsam auf mich zutrat. "Wir müssen noch wegen der Handelsniederlassung der Frysen in Ulfurstud reden!"
"Ooooh! Jedder van Dijk!" rief ich aus, noch bevor sein Abbild aus meinem Augenwinkel rutschte.
"Nicht der auch noch!" dachte ich unterdessen und verfluchte indes meine zahlreichen Taten der letzten neun Monde. "So sprecht", lallte ich aufmunternd und versuchte tapfer, mich auf meinen zwei bis vier Beinen zu halten.
Er brabbelte irgend etwas vor sich hin, während meine Gedanken begannen, abzuschweifen.
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Mein Werir Grisgrim, der mir in der vergangenen Zeit doch immer mehr ans Herz gewachsen war, hatte mir verwehrt, noch bevor ein Jahr und ein Tag vergangen sei, zu einer fylgdarkunnyr befördert zu werden. Mein erster Zahn, davon träumte ich schon lange und bemühte mich durch zahlreiche Taten, dieser Beförderung gerecht zu werden. Doch es half nichts. Es waren erst neun Monde vergangen, und mein Werir blieb stur. Ich mußte es akzeptieren. Dennoch kam es anders, als ich es jemals erwartet hätte.
Gerade noch berichtete Grisgrim den zu dem Thing gekommenden Walis von den Neuigkeiten bei den Heden, schon bat er mich in die Mitte des Thingplatzes, um die höchste Ehrung der Heden entgegenzunehmen, die einer Unfreien zuteil werden könnte: Ein Jakhzahn!
Nun, es war mehr, als ich erwartet hatte - Doch weniger, als ich wollte. Es war eine hohe Anerkennung meiner Taten, und das erfreute mein kleines, unfreies Herz. Keine Beförderung - bei dieser Sache blieb Grisgrim unbestechlich - aber eine försakret gute Anerkennung!
Nur kurze Zeit später, das Wali-Thing war fast vorbei, sprang die rásturd Victis auf, und verkündete ihre Fürsprache für mich arme Unfreie. Ich hätte soviel geschafft, erreicht, gemacht, getan; man sollte überlegen, ob ich es nicht - den Regeln zum Trotz - verdient hätte, wenn nicht einen Zahn, so doch wenigstens ein Stimmrecht zu erhalten. Nun überschlugen sich die Ereignisse. Eine Diskussion entbrannte, deren Verlauf ich nicht ganz verfolgen konnte, da meine Verwirrung Purzelbäume schlug. Aber den Ausgang vernahm ich sehr wohl: Die Götter würden entscheiden, ob ich morgen frei oder unfrei sein würde.
Mit hochgezogenen Augenbrauen warf ich einen Blick auf meinen Werir. Dieser stand blaß und verärgert neben dem Jarkhan. Sicherlich war er strunzsauer, daß sein Urteil übergangen wurde, doch er bemühte sich, es sich nicht allzu sehr anmerken zu lassen.
Ich hingegen konnte kaum den Abend erwarten, an dem zahlreiche Gäste aus ganz Magira eintreffen und Zeuge würden von der Entscheidung der Götter.
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