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Moiras Enzy

Autor(en): Moira Wolfsfell

Vorwort
Dies ist die Geschichte der Hedin Moira vinnukunnyr, ausgebildet auf der "Styrmtyngverdar", einem hedischen Kriegschiff. Der geneigte Leser wird gebeten, kleine Fehler zu überlesen und sich stattdessen darüber zu freuen, daß ein Hede mehr es geschafft hat, das Lesen und Schreiben zu erlernen und die eigene, mal mehr und mal weniger interessante Geschichte zu Papier zu bringen.

Kapitel 1
Ich war sechs, als Hyldir begann, mein Leben durcheinanderzubringen.
Die Sonne senkte sich tiefrot am Horizont, als unsere Planwagen über die Ebene von Graendrjurd rollten. Seit Tagen waren meine Familie und ich unterwegs, auf der Suche nach Abenteuer, Weideland und einem schönen Ort, an dem wir die lauen Sommerabende verbringen sollten. Ich spielte mit meinem kleinen Bruder Alsdar ein altes Kinderspiel, welches wir schon lange Zeit spielten, ohne je die Lust daran zu verlieren: Es ging darum, den Blick des anderen zu erwidern, solange man ihm standhalten konnte und nicht lachte. Wer es trotzdem tat, hatte verloren. Walisch zu verlieren bedeutete mehr, als in jeder anderen Kultur: Es war ein Angriff auf die Ehre, ein direkter Stich ins Herz - so wurden wir erzogen. Doch war es nicht leicht, Alsdar zu widerstehen. Seine riesiggroßen Kulleraugen und sein kleines Gesichtchen, mit dem er so niedliche Grimassen schneiden konnte, trieben mich stetig von einem breiten Grinsen zu einem leisen Gekicher , weshalb ich fast immer verlor.
Doch dieses Mal war ich vorbereitet. Dieses Mal würde ich gewinnen! Lange Zeit hatte ich mit baumelden Beinen hinten auf dem Planwagen gesessen und über die karge Ebene gestarrt. Es war bitterkalt, und die Jakhfelle, mit denen ich versuchte, mich warmzuhalten, bildeten einen großen Berg um meinen kleinen Körper. Stundenlang schaute ich aus dem Wagen hinaus und versuchte, meinen Blick in die Sonne zu versenken, ihn auf das Innere der Scheibe zu lenken, um den mächtigen Schild Walis zu erkennen, der mich, glaubte ich den Sagen meiner Sippe, schützte.

Und dann erschien mein kleiner Bruder. Als ich mich zu ihm umdrehte, begann er sogleich, seine üblichen, niedlichen Grimassen zu schneiden, doch ich schaute durch ihn hindurch - an ihm vorbei - in ihn hinein, so, wie ich es wenige Augenblicke zuvor mit der Sonne getan hatte. Ich würde nicht lachen, das wußte ich. Meine Gedanken begaben sich auf eine Reise. Mein Blick versank förmlich in meinem Gegenüber. Tiefer und immer tiefer wurde ich hineingezogen in eine Kinderseele, deren Kindheit schnell verflog. Ich erschrak, als das Gesicht meines Bruders sich veränderte, als die Augen des Kindes die Augen eines Erwachsenen wurden, der schon so viel gesehen hatte, so viel mehr als ich. Mit Gewalt versuchte ich, mich von seinem furchtsamen Blick loszureißen, der so schrecklich war, daß er mich bis ins Mark erschütterte. Doch es gelang mir nicht. Bilder zuckten vor meinen Augen, Bilder von Schlachten und Blut, von Verderben und Tod.

Als meine Mutter mich, am ganzen Körper bebend, in die Arme schloß, bemerkte ich, daß ich weinte, daß auch sie weinte. "Nicht auch Du, mein Kind, bitte nicht auch Du"
Einige Jahr später erfuhr ich, was ihre Worte bedeuteten, aber bis dahin sollte mir noch ein schwerer Weg bevorstehen..
Schon einen Tag, nachdem ich meinen Bruder zu Tode geängstigt und meine Mutter zum weinen gebracht hatte, setzte sie sich dafür ein, mich an Bord der "Styrmtyngverdar" zu einer Kriegerin ausbilden zu lassen. Normalerweise sind Hedinnen dazu auserkoren, den Haushalt zu führen und die Tiere zu versorgen, doch meine Mutter erklärte mir, sie wolle mir dieses langweilige Leben ersparen. Wenn ich mich langweilte, käme ich nur auf dumme Ideen, fügte sie murmelnd hinzu.
Sie packte die wenigen Habseligkeiten, die ich als Kind besaß, in ein Bündel zusammen und gab mir zum Abschied ein silbernes Döschen, das ich von nun als Amulett um meinen Hals trug und welches mich immer an meine Sippe erinnern sollte.



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