Der erste Besuch des Werirs in Ulfurstud II
Autor(en): Moira Wolfsfell
Wir hatten viel geschafft. Mehr, als ich je auch nur erhofft hatte. Ich stand am Hafen und erwartete die durch einen Boten angekündigte Ankunft meines Werirs. Ihm würden die Augen übergehen, dessen war ich mir sicher.
Die Hafenanlage war ziemlich groß geworden, ein Schiffswerk neben den Kornkammern, kleine Werkstätten und Anlegestege und ein riesiges Handelshyrd, welches dem Besucher aus fernen Landen, der zum ersten Mal in den Hafen Ulfurstuds segelte, die Sprache verschlagen sollte. Die bunten Flaggen der Völker, deren Menschen an der Stadt mitgebaut hatten, wehten fröhlich und unruhig über der Anlage und zeugten von der Offenheit, mit der jeder hier willkommengeheißen wurde.
Ich schloß die Augen und genoß den kühlen Seewind, der mir um die spitze Nase wehte, erschöpft und ausgelaugt von der harten Arbeit, die ich hinter mir hatte. Wochenlang hatten die Mennr und Kunnyren der Stadt gearbeitet, sie mit ihrer Fröhlichkeit durchtränkt; ihre verschiedenen Sprachen flossen durch die neuentstandenen Gassen und ihre Hautfarben malten ein Bild der Gemeinschaft. Ich war stolz auf meine Arbeit und hoffte, daß auch mein Werir diese zu würdigen wüßte
Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich am Horizont die Fridurfaerd, das Langschiff des Werirs. Ich beeilte mich, um in den "Plappernden Wolf" zu gelangen. Dort gab ich Bescheid, endlich das geplante Festmahl zuzubereiten. Der Duft des ins Feuer geworfenen Fleisches zog durch die Straßen und ließ den arbeitenden Mennr das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ich hoffte, der Werir würde mit meiner Idee einverstanden sein, am Abend ein Fest für all die zu veranstalten, die am Aufbau der Stadt so hart mitgearbeitet hatten. Ich hoffte, er würde den Met, den ich für diesen Abend bestellt und das Fleisch, dessen Tiere ich für diesen Abend geschlachtet hatte, anstandslos bezahlen und den Dank, den ich im Inneren für die vielen Helfer fühlte, ebenso fühlen.
Als sein Schiff im Hafen anlegte, ließ ich ihn einen Moment allein. Ich beobachtete seine Neugier und sein Erstaunen, mein Stolz drohte fast, mich zu übermannen, weshalb ich froh war, eine Kunnyr zu sein.
Nachdem ich ihn einige Zeit durch die Stadt habe streifen lassen, ging ich zu ihm und begrüßte ihn feierlich.
"Hey, Werir!" rief ich, und wußte sofort, daß ich es mal wieder am nötigen Respekt habe mangeln lassen. "Äääh, edler Grisgrim, Werir der Heden, Heerführer der Alten Welt, Flutydlydrar der Blumenküstenwache, seid gegrüßt! Willkommen in Ulfurstud!"
Der Werir war, nun, sagen wir einfach, platt.
"Moira, um Höggrs Willen, wie habt ihr das gemacht?" fragte er, ohne auch nur einen Gedanken an eine freundliche Begrüßung zu verschwenden. Ich grinste, zugebenermaßen leicht arrogant. "Nun", sagte ich, versucht, bescheiden zu wirken, "nicht mir allein gebührt der Dank, die meiste Arbeit haben die Menschen gemacht, die ich zusammengerufen habe, diese wunderbare Stadt zu gründen."
"Das weiß ich", entgegnete Grisgrim roh, "daß du allein dazu niemals fähig wärst, ist mir durchaus bewußt."
Meine Unterlippe begann, sich nach und nach in Richtung Boden zu schieben. Strengen Blickes schaute mich Grisgrim an und fing an zu lachen: "Moira, das hätte ich Euch niemals zugetraut! Laßt es uns mit einem großen Fest feiern! Ist der Thingplatz schon eingeweiht?" Mein Herz machte einen großen Sprung. Die Erleichterung mußte mir anzusehen gewesen sein, als ich fröhlich antwortete:"Alles ist bereit! Heute abend gibt es Yakhmilch, Met und Fleisch im Überfluß. Und mit der Thingplatzweihe habe ich nur auf Euch gewartet!"
Zusammen gingen wir in das Gasthaus "Zum plappernden Wolf" und aßen und tranken und redeten über das, was geschah und das, was noch geplant war.