Der große Zwist
Autor(en): Nedde
Eine Ratte huschte vor seinen Füßen durch die schmale Gasse Ulfurstuds. Angewidert blieb der alte Mann stehen und rümpfte die Nase. "Försakret!" murmelte er, "was für ein Dreckloch!"Seine dunklen Augen lagen tief in einem runzligen Gesicht verborgen, dessen Rest durch eine Kapuze fast vollständig verdeckt war. Andere Heden würden ihm vermutlich nur durch großen Zufall vor die Füße laufen, dessen war sich der alte Nomade sicher.
Es war sein erster Besuch in Ulfurstud, und vermutlich würde es sein letzter werden. Ruhig, jedoch mit wachen Augen, wanderte er weiter durch die engen Gassen der noch kleinen Stadt, deren Einwohner aus Männern und Frauen von überall aus der Alten Welt stammten. "Eine hedische Stadt? Hah!" brüllte er einen kleinen Jungen an, der gleich darauf ängstlich davonflitzte.
Plötzlich blieb er stehen. Seine Augen verkleinerten sich zu engen Schlitzen, und er neigte seinen Kopf leicht nach oben. Er schnupperte:"Yakhmilch!"
Es war eindeutig. Der Geruch nach Anis lag unverkennbar in der sonst stinkenden Luft und verklebte seinen Magen mit einem Gefühl von Heimweh. Mit schweren Beinen schlurfte er voran, die Nase empor, den Unterkiefer angestrengt nach vorn geschoben. Durch Gassen, die von Säcken, Schüsseln und Nachttöpfen verengt wurde, bahnte er sich seinen Weg, unaufhaltsam, geradewegs auf die Gaststätte zu. Das Scheppern der Teller, das Klingen der Hörner und das Gerede der sich in der Taverne vergnügenden Männer und Frauen waren wie eine Einladung, die er allzu gerne annahm.
Lange Tage war er mit seinem Planwagen unterwegs gewesen, nur, um sich die erste hedische Stadt anzuschauen, nur, um die Stadthalterin zu beleidigen, ihr Verrat am Volke der Heden vorzuwerfen und ihr gräßlich ins Gesicht zu spucken. Das kann keine echte Hedin sein, die ihr Leben als Nomadin aufgibt, ihren Stolz verrät und sich den seltsamen Gebräuchen der restlichen Welt anpaßt.
Er haßte sie. Er hatte sie nie zuvor gesehen, aber er haßte diese Moira Wolfsfell.
Doch nun, ...
Der süße Duft von Yakmilch und Met stieg ihm in die Nase. Schinken und gebratener Fisch verströmten einen Geruch, der die echte hedische Küche ausmachte. Er mußte nicht lange überlegen, um in die Gaststätte "Zum plappernden Wolf" einzutreten.
Drinnen herrschte heilloses Chaos: Ein Durcheinander von Frysen, Bognaren und vielen anderen Völkern schaffte ein Sprachengewirr, welches der alte Hede noch nirgendwo anders gehört hatte. Leicht verunsichert nahm er seine Kapuze ab und gab ein faltiges, altes Gesicht frei, dessen Erfahrung aus ihm sprach. Seine Blicke schweiften durch die Gaststätte, die - entgegen seiner Erwartungen - einen sauberen und gepflegten Eindruck machte. Gleich nachdem er sich an einen freien Tisch gesetzt hatte, erschien eine junge Frau und brachte ihm ein kleines Horn mit Yakhmilch. "Ein Gruß vom Hyrd", sagte sie, und lächelte den alten Mann aufmunternd an. "Ihr seid das erste Mal in Ulfurstud, was?" Freundlich nickte sie ihm zu und setzte sich an seinen Tisch.
Der alte Mann nickte. "Ich hatte mir die Studur anders vorgestellt", gab er zu, besänftigt von dem großen Schluck Yakhmilch, der gerade seine Kehle hinuntergeflossen ist. "Sie ist nicht gerade das, was ich als beeindruckend schildern würde, aber für den Bau von Verrätern nicht schlecht."
"Verräter?" Die junge Frau stutzte.
"Försakret, aber natürlich!" Der alte Mann haute auf den Tisch, daß das Horn mit der Milch umzufallen drohte. Die junge Frau reagierte schnell - griff zu und rettete den letzten Schluck Yakhmilch. Ohne darauf zu achten, fuhr er fort: "Sie sollen Heden sein. Heden? Tragen lächerliche Hörner am Helm. Wozu soll das denn bitteschön gut sein?"
"Es ist die neueste Mode in Ulfurstud", kam die Antwort. "Das ist der neueste Schrei in der Studur".
"Schreien und fortlaufen wohl eher! Hah!" Er lachte heiser und fuhr dann fort: "Doch das allein ist es nicht: Heden sind schon immer ein Nomadenvolk gewesen. Sie bauen keine Städte!" Mürrisch nahm er das Horn und leerte es in einem Zuge. Die junge Frau bedeutete unterdessen einer anderen Kellnerin, ein neues Horn Yakhmilch heranzutragen. "Aber eine Stadt zu bauen, bedeutet doch nicht, das Nomadenleben aufzugeben" verteidigte sie das Verhalten der zwei Städtebauer. "Die Stadt wird ein Handelszentrum werden, sie wird zwar im Lande der Heden liegen, doch nicht von Heden bewohnt sein! Auch die Stadthalterin wird nach getaner Arbeit Ulfurstud wieder verlassen, und ihr Nomadenleben in Frieden weiterführen."
"Lächerlich", brummte der alte Mann, ließ sich jedoch die frische Yakhmilch schmecken.
"Schaut Euch doch um!" Die junge Frau wollte nicht aufgeben. "Habt ihr hier auch nur einen Heden gesehen? Die Heden lieben ihr Nomadenleben und werden dies weiterführen - ob es eine hedische Stadt gibt, oder nicht. Die Leute hier sind ein bunt gemischter Haufen aus der ganzen Alten Welt!"
Sie stand auf und lehnte sich nach vorn, die Augen des alten Mannes fest im Blick.
In der Gaststätte war es still geworden. Die Leute hörten gespannt der jungen Frau zu, die sich in diesem Augenblick in Rage geredet hatte. Sie war in ihrem Element: "Diese Stadt lebt von den Völkern, die hierher gekommen sind. Sie erhebt nicht einmal den Anspruch, als Hauptstadt des Landes der Heden angesehen zu werden! Sie ist ein Treffpunkt für Händler verschiedenster Völker, egal welcher Hautfarbe, welcher Ohrenform oder Anzahl der Beine! Sie wird das lästige Hin- und Her der Nachrichten überflüssig machen, welches durch die jährliche Thingplatzsuche nötig war! Sie schafft dem Höfdhingrat einen Ort, an dem er sich beraten kann! Die Stadt ist wichtig! Und doch wird sie niemals die Heimat der Heden ersetzen: Die freie Natur!"
Der alte Mann neigte seinen Kopf und lächelte die Frau an, die sich erschöpft auf ihrem Stuhl niederließ.
"Moira Wolfsfell, nehme ich an?"
"Ja", schmunzelte die Stadthalterin Ulfurstuds.