Dekadent
Autor(en): Grisgrim & Moira Wolfsfell
...oder: ein Lied liegt in der Luft
Moira:
"Grisgrim, wie schön Euch zu sehen!" rief ich glücklich. Und wahrhaftig,
nie war ich so froh gewesen, diesen alten Griesgram in meiner Nähe zu haben. Der nydde-myrn-Werir stampfte wie ein wildgewordener Eistroll durch die Menschenmenge, die sich auf dem Marktplatz tummelte. Jeder seiner Schritte donnerte auf den sandigen, aber doch steinharten Boden und brachte die umherstehenden Leute dazu, erschrocken zur Seite zu springen. Ich erinnerte mich, als wäre es gestern gewesen, und irgendwie hatte dies ja seine Richtigkeit, da standen auf diesem Platz nicht mehr als 20 Leute und boten ihre Waren feil. Und heute? Die Frauen und Männer traten sich auf die Füße, hier priesen Marktschreier ihre Fische an, dort schob sich ein breiter, mit frischem Gemüse beladener Karren seinen Weg durch die Menschenmenge. Der Geruch von Urin und faulen Früchten stieg mir in die Nase.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort schon gestanden habe, wußte nur, daß mein Byrdmannr Tyggris, der, mit dem ich den letzten Tag, vielleicht sogar die letzten zehn Jahre verbracht hatte, gegangen war. Einfach stehengelassen hat er mich. Einfach so verschwunden.
"Moira!" brüllte der Ex-Werir mich nun an. "Was ist hier geschehen?"
Daß mich immer alle das gleiche fragen mußten. Sollte ich ihm etwa erzählen, daß ich gestern noch mit dem Schleim von Riesenschnecken gespielt, grausige Ungeheuer gesehen und in einem fürchterlich tiefen See gesunken bin? Sollte ich ihm etwa erzählen, daß, gerade da ich einen Tag in der Umgebung der Studur - auf zugegeben seltsame Weise - verbracht hatte, in Ulfurstud ganze zehn Jahre vergangen waren?
"Studlydyr, ich glaube, ich habe die letzten zehn Jahre verpaßt!" Grisgrim beobachtete mich aus den Augenwinkeln, vermutlich annehmend, daß ich ihn im nächsten Schluck auslachen würde. Doch ich riß die Augen auf. "Ihr auch?" fragte ich verblüfft.
"Ihr glaubt mir nicht, was?" brummte er mich beleidigt an. "Ihr wollt mich nur täuschen, mich lächerlich machen! Aber ich weiß, was geschehen ist! Ich weiß, was ich erlebt habe!"
Höggrje, der Mannr war wirklich außer sich! "Aber..." wollte ich seinen Wortfluß unterbinden.
"Ich war nur einen Tag fort! Wollte mich von dem Bericht des Expeditionsleiters überzeugen, daß aus der Umgebung der Studur keine Gefahr mehr ausgeht! Und was ist?"
"Zehn Jahre sind inzwischen vergangen", murmelte ich erkennend.
"Unterbrecht mich nicht, Ungläubige!"
"Aber..."
"Ich habe Ungeheuer gesehen, die ich nur aus meinen Alpträumen kannte! Ihr könnt mir glauben" Moira!"
"Aber..."
"Ihr tut es nicht, nicht wahr? Ihr..."
Es reichte. Kann der Mannr nicht mal für einen Schluck seine Klappe halten? "ICH DOCH AUCH!"
Es wurde still. Nicht nur Grisgrims Gesichtsmuskeln beschlossen, ihre Arbeit zu unterbrechen, auch sämtliche Augen der feilschenden Ulfurstudaren, die um uns herumstanden, starrten plötzlich in meine Richtung. Hätte nie gedacht, so brüllen zu können, dachte ich stolz.
"Ich auch, Grisgrim." Mein Blick klammerte sich beruhigend an des Flutydlydrars Augen, teilte ihnen mit, daß ich ihm glaubte, sagte ihnen, daß er nicht verrückt wäre.
"Achso?"
"Ja."
Ich nahm den Freund bei der Hand, und schob ihn in die erstbeste Taverne: Den Plappernden Wolf.
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