Die Vorbereitung auf den Wettkampf
Autor(en): Moira Wolfsfell
Als ich sah, wie sich mein Werir Grisgrim verrenkte, sein Gleichgewicht verlor, wild, mit den Armen rudernd versuchte, dieses sogleich wiederzuerlangen, war ich kurz davor, laut loszuprusten. Doch stattdessen verschluckte ich mich, begann, berserkergleich herumzuhusten und zu keuchen bis mir die Augen voll Tränen standen.Ich hatte ihn dazu gebracht, sich auf das große Thing vorzubereiten. Kühn hatte er Pardur, Joq und Jalmur zu einem Zweikampf herausgefordert, teilweise leichtsinnig in der Entzürnung des Jarkhans versucht, die Ehre der Heden zu retten, indem er sich vor den anderen Stämmen behauptete. Ich selbst war überrascht, wie selbstlos er forderte, gegen jeden Werir anzutreten, den das Volk Waligois ernannt hatte, wie er es verstand, Mut mit Diplomatie zu vereinen. Grisgrim war nicht in Waligoi geboren, und ward trotzdem zum Werir ernannt worden. Dies muß der Grund dafür sein, daß er sich so sehr bemüht, ein tapferer und besserer Werir sein zu wollen, als die anderen. Einen kurzen Augenblick dachte ich darüber nach, wie ich es wohl als Werir angestellt hätte, die Hedenehre zu demonstrieren. Sicher hätte ich es nie geschafft, alle Stämme gleichzeitig zu beleidigen und diese sofort zum Kampfe herauszufordern, denn mein loses Mundwerk wäre mir - wie immer - im Wege.
Schwer nach Atem ringend erteilte ich meinem Werir Befehle, sich auf ein Bein zu stellen, das andere waagerecht davongestreckt in die Luft zu heben und zu gleicher Zeit zu versuchen, mit einer Hand den Boden zu berühren. Die Übung sollte dem Gleichgewicht dienlich sein, welches Grisgrim im Kampfe so schmerzlich vermissen ließ. Ich wußte, er würde am nächsten Tag von einem reißenden Muskelschmerz befallen sein, doch konnte ich es mir einfach nicht nehmen lassen, meinen edlen Werir herumzukommandieren, wie er es stets mit mir zu thun gedachte. Nicht, daß ich ihm seinen wohlverdienten Zahn nicht gönnte, nein, aber sein abwertender Tonfall ließ mich des öfteren zusammenfahren und mich bei dem Gedanken verweilen, wie es wäre, wenn ICH die Weririn wäre. "Hoch das Bein!" brüllte ich böse.
Und Grisgrim gehorchte.
Die Schweißperlen bahnten sich einen Weg an seiner Stirn entlang. Keuchend stand der Werir auf einem Fuße, der andere schräg und gebeugt in einem absurden Winkel von seinem Körper abstehend. Seine Haare waren zerzaust und vom Schweiße verklebt, und seine Arme beschrieben wüste, unregelmäßige Kreise in der Luft. "Auf den Boden, Grisgrim! Die linke Hand auf den Boden!" Der Werir strauchelte, während sich ein "Ooooh" auf seinen Lippen formte...und verlor das Gleichgewicht.
Der Kloß, der mich seit Beginn der Übungen daran gehindert hatte, zu lachen, löste sich mit einem Male. Ich vergaß, was es bedeutete, unfrei zu sein, hatte mich schon längst mit meiner Führungsposition vereint, ignorierte, daß der jämmerlich am Boden liegende Mannr mein Werir war: Ich prustete los, lachte, bis mir die Tränen ein zweites Mal kamen. Als ich seinen Blick sah, verstummte ich schlagartig und machte, daß ich fortkam.
Erst, als ich einige Tage später eine Nachricht von ihm erhielt, in der er mich aufforderte, die Übungen fortzuführen, traute ich mich ihm wieder unter die Augen. In jedem anderen Falle hätte er mir Latrinendienst angeordnet, doch offensichtlich hatte er erkannt, daß ich ihm - trotz mangelndem Respekt - eine große Hilfe in Sachen Kampfausbildung und Geschick war. Doch nun beschäftigte mich etwas anderes:
Der Bote, den er mir sandte, war kein Fremder. So lange war es her, daß ich ihn gesehen hatte, so viele Tage war er im Dienste Grisgrims als niederer Bote unterwegs in Waligoi gewesen. Es war Thoran, der Mannr, den ich seit Jahren vermißte, ihm damals versprach, wir würden uns hier in diesem Tale einst wiedersehen. Als er mich in die Arme nahm, bemerkte ich zum ersten Male, wie einsam ich ohne ihn gewesen war. Es brannte in meinem Herzen, als ich erkannte, daß es meine Schuld war, daß der stolze Krieger nun einer derart niederen Arbeit nachgehen mußte. So edel und mutig mein Werir oft sein konnte, so gehässig und geringschätzend war er seiner Unfreien Moira gegenüber. Ich hatte ihn entzürnt, als ich ihn auf dem letzten Thing vor dem Jarkhan beschuldigte, seine Pflichten als Werir zu mißbrauchen. Doch anstatt meine Entschuldigung würdig entgegenzunehmen oder mich als Onagerfutter an die vorderste Reihe der anstehenden Schlacht zu stellen, versuchte er, mich zu erniedrigen, indem er mich zur Stadthalterin machte, aber sogleich den tapferen Krieger Thoran kurz vor Ulfurstud abfing und ihn als Laufburschen durch die Kälte Waligois sandte. Ein Band der Enttäuschung schnürte sich um meinen Hals, das mir das Atmen schwer machte und in der Kehle schmerzte. Warum hatte Grisgrim Thoran zu mir geschickt? Vergab er meine Irrungen und erlöste Thoran von seinem Schicksal? Würde er ihn gehen lassen, wenn ich ihn mit einer Nachricht zu meinem Werir zurückschickte oder erwartete er gar von mir, daß ich kein Wort darüber verlor und Thoran bereitwillig zurücksandte, damit er ihn weiterhin als Boten mißbrauchen könnte?
Ich mußte nicht lange überlegen, was zu thun war: Ich nahm mir eine Brieftaube aus dem Taubenschlag der Studur und schrieb einen Brief an Grisgrim, in dem ich ihm für seinen Edelmut, Thoran gehen zu lassen, dankte. Worte wie "großherzig und weise in Euren Entscheidungen..." und "Ich weiß, daß Euer Geist und die Gedanken an die bevorstehende Schlacht Euch zu weisen Taten drängen" machten es perfekt. Ich grinste. Es war nicht schwer, einen stolzen Mannr wie Grisgrim Met um den Bart zu schmieren.
Drei Tage später machte ich mich auf zu Grisgrim, der in der Blumenküstenstadt auf mich wartete, um mit den Übungen für den großen Kampf fortzufahren.