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Des Braumeisters Tod
Autor(en): Moira Wolfsfell
Die ganze Studur war überzogen von einem blauen Schleier von Qualm, der schadenfroh durch die Straßen kroch. Die Sonne war längst aufgegangen und streichelte mich sanft und vorsichtig mit ihren warmen Strahlen, als ich die schwelenden Reste der Hedensaftbrauerei erreichte. "Försakret!" rief ich ärgerlich, als ich sah, daß die Soldaten der Blymströndervördur schon wieder mit dem Aufbau der Brauerei beschäftigt waren. "Was tut ihr da?!" Verwunderte Blicke trafen mich und erklärten mir freundlich, daß es sich - wie der Flutydlydrar Grisgrim berichtet hatte - eindeutig um einen Unfall gehandelt hätte, weshalb man es für nicht nötig erachtet hatte, weitere Zeit zu verschwenden. "Edler Werir", murmelte ich sarkastisch, "jetzt will er es wieder gutmachen!" Einerseits stimmte mich dies natürlich froh, daß er in mir keine Brandstifterin mehr sah, andererseits mußte es sich doch deshalb noch lange nicht um einen Unfall gehandelt haben! Er hatte mir in diesem Fall die Möglichkeit genommen, nach Spuren zu suchen, die vielleicht einen Hinweis auf den Brand und gleichermaßen den Tod des Braumeisters hätten geben können. Verärgert schaute ich mich um. Einige Mauerreste, die den Grund der Brauerei gebildet hatten, standen noch, doch die meisten der ehemals hölzernen Wände waren entweder verbrannt, eingestürzt oder bereits von den vielen helfenden Händen eingerissen worden. Trotzdem bahnte ich mir mit mahnender, erhobener Hand meinen Weg durch die schwelenden Trümmer: "Haltet ein!" rief ich, meine Stimme noch immer heiser und rauchig vom gestrigen Tage. "Wartet mit dem weiteren Abriß noch ein Weilchen. Geht nach Hause bis ich euch wieder rufe!"Hocherfreut über die Pause, die ich ihnen gestattete, teilten sich die Menschen und gingen ihrer Wege. Ich überschritt meine Kompetenzen mal wieder maßlos, doch dies kümmerte mich - und scheinbar auch die anderen - in keinster Weise.
Ich betrat die letzten Reste der Brauerei. Ein Bild der Zerstörung bot sich mir, als ich das Erdgeschoß betrat. Nur wenige Bodenplanken schwebten nahezu unberührt über dem Keller. Der Blick nach oben war durch wenige Balken versperrt, und die Sonne strahlte wie gebündeltes Getreide in die rauchgeschwängerten Räume. Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, schritt ich voran, langsam und zielstrebig, bis ich die Stelle erreichte, an der gestern noch die Treppe stand, über die ich zum oberen Stockwerk gelangte. "Bjarkörtret!" Wieder konnte ich einen Fluch nicht unterdrücken. Ich prüfte behutsam, wie stabil die Wand war, indem ich mich erst leicht, dann mit voller Wucht gegen die noch stehende Wand warf, die mir einen Weg zum oberen Stockwerk ermöglichen sollte. Sie hielt. Mein Arm tat weh. Mit einem schweren Hieb versenkte ich meine Axt etwa hüfthoch in die Wand und stieg mit einem Fuß hinauf. Meine Finger krallten sich in die Ritzen der Holzbretter und ich zog mich hinauf. Wie ich betete, daß ich nicht das Gleichgewicht verlor! Ich wußte nicht, ob die Bodenplanken einen harten Aufprall aushielten, oder ob ich sie, falls ich das Gleichgewicht verlieren sollte, durchschlugen und ich zusammen mit ihnen mehrere Fotyren tiefer auf dem Boden des Kellers aufschlagen würde. "Nicht darüber nachdenken, Moira!" sagte ich zu mir selbst und stieß meinen Dolch kräftig in die Wand. Ich ruckelte ein wenig an ihm herum, bis ich sicher war, daß er an seinem Platz bleiben würde, und stieg nun auf die selbstgebaute Sprosse. Mutig schwang ich mich hinauf und erreichte die Bodenplanken des oberen Stockwerkes. Die Planke ächzte unter mir und ich wankte einen Moment auf diesem fast frei schwebenden Holz. Doch nun konnte ich mich an den verbleibenden Wänden und Bodenbrettern entlang hangeln, den Blick stets geradeaus, nie nach unten gerichtet, um nicht von drohender Höhenangst überwältigt zu werden. Als ich den Raum erreichte, in dem noch vorgestern die Gärkessel befüllt wurden, erkannte ich, daß der Balken, der gestern noch den Rumpf des Braumeisters eingeklemmt hatte, zur Seite gerollt ward. Nun, irgendwie mußten die Soldaten der Blymströndervördur wohl den Toten herausschaffen, doch ich hätte mir gerne noch den Schauplatz genauer angeschaut. Der Boden schien hier noch unbeschadet zu sein, so hatte das Feuer wohl nicht unter diesem Raum gewütet. Der Braumeister mußte am Rauch erstickt sein, was mir mein Glück, welches ich gestern hatte, erst bewußt machte. Ich war dieser Hölle entgangen. Knapp, aber ich lebte. Ich drehte mich noch ein wenig um meine eigene Achse und verließ dann diesen Ort. Hier würde ich nichts mehr finden.
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