Moiras Enzy
Autor(en): Moira Wolfsfell
Kapitel 11"Heh, Mo, schaut mal her!"
Thoran saß auf einem Jakh und ritt mir entgegen. Etwas unbeholfen versteckte er ein längliches Ding hinter seinem Rücken, das ich aber aus dieser Entfernung nicht erkennen konnte. Strahlend sprang er von seinem Reittier ab und lief mir das letzte Stück entgegen. Er hielt einen, wenn auch alten, aber wunderschön verzierten Degen entgegen. "Hier, Mo, das hab ich für Euch bei einem fahrenden Händler gekauft! Aber ich warne Euch! Wehe, das Ding landet zwischen meinen Füßen!" - "Ein Degen?" Verwundert schaute ich ihn an. Ein Hede mit einem Degen, das hatte ich wahrlich noch nie gesehen. "Was soll ich mit einem Degen? Ich habe gelernt, mit Äxten zu kämpfen!"
"Äxte waren aus." Er schaute beschämt zu Boden, bis ich ihm heiter auf die Schulter schlug und breit angrinste. "Bringt Ihr es mir bei, mit ihm zu kämpfen?"
Der braungelockte Hede grinste mich lausbübisch an:"Wenn Ihr keine Angst davor habt, von einem Mannr geschlagen zu werden?" - "Niemals!" Ich zog den Degen aus seiner Scheide, fuchtelte wild in der Luft herum und steckte ihn wieder zurück. Lachend packte er mich und warf mich zu Boden. Noch eine ganze Weile lagen wir kichernd im Gras und schauten in den von einzelnen weißen Wolken bedeckten Himmel.
So kam es, daß ich von nun an vormittags mit Kara am Feuer saß und las und nachmittags mit Thoran das Fechten übte. Als er damals in Boras von Bord ging, mußte er nicht lange auf ein anderes walisches Schiff warten, das auf Hymirfahrt ging. So lernte er an Deck eines gautischen Langschiffes das Fechten und den Umgang mit Pfeil und Bogen. Ich muß gestehen, ich war ein wenig neidisch. Hatte ich zwar mehr von Waligoi gesehen als er, so betrübte es mich doch, wieviel er - und wie wenig ich dagegen - in dieser Zeit gelernt hatte. Nicht nur, daß er perfekt den Umgang mit Schwert, Degen, Axt, Pfeil und Bogen beherrschte, nein, er konnte die Laute spielen, kannte zahlreiche wunderschöne, gautische Skalden und hatte außerdem eine klare und volle Stimme. Ich dagegen saß abends am Lagerfeuer und - abhängig von der Menge des Hedensaftes, den ich zu mir genommen hatte - klopfte den Takt oder gröhlte wenig schicklich mit den Menn des Stammes lauthals mit. Ich wünschte mir, ebenso klar und rein wie Thoran singen zu können. Doch blieb es mir in diesem Leben verwehrt.
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