Moiras Enzy
Autor(en): Moira Wolfsfell
Kapitel 12Es wurde Winter und die weiche Schneedecke legte sich wieder auf das Tal. Seit fast einem Jahr hatte ich an jedem Tag stundenlang das Lesen und das Fechten geübt, was mein Herz mit Stolz erfüllte. An einem trüben, aber warmen Morgen, der versprach, Regen zu bringen, kam Kara zu mir. Statt, wie sonst, eine Vielzahl von mit Runen beschrieben Papieren, Häuten oder Steinen bei sich zu haben, hielt sie heute die Hände hinter ihrem Rücken und schaute mich erwartungsvoll an.
Ich entgegenete ihrem Blick gespannt und wartete. Als sie mich daraufhin anlächelte, wußte ich, daß der Tag gekommen war, an dem ich das Erbe meiner Mutter lesen durfte.
Als ich damals mit dem Lesen begonnen hatte, hatte ich immer wieder die Runen in dem Buch zu entziffern versucht, um die Zusammenhänge zwischen ihnen zu verstehen. Doch da mir dieses nicht auf Anhieb gelingen wollte und der Ärger über meine eigene Dummheit mich eines Tages überwältigte, warf ich das Buch aus dem Wagen hinaus auf den Weg. Kara blieb ruhig, gebot dem Fahrer, kurz zu halten, stieg vom Wagen ab und nahm es an sich. Trotz meiner rohen Drohungen behielt sie es und versprach, wenn ich des Lesens mächtig sein würde, mir dieses wiederzugeben.
Nun zog Kara das Buch hinter ihrem Rücken hervor und legte es vor mich hin. Ihr warmer und ermutigender Blick wärmte mein Inneres und füllte mich mit Dankbarkeit. Ich schaute abwechselnd in ihr altes und weises Gesicht, dann wieder auf das Buch. "Danke", murmelte ich verwirrt. Dann kehrte sie um und lies mich mit meinen Erwartungen allein.
Ehrfurchtsvoll öffnete ich den ledernen Einband und erkannte zum ersten Mal einen Sinn in den dort stehenden Zeichen. "Für Moira, meine Tochter."
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