· 23 · 24 · 25
Windspiel
Autor(en): Moira Wolfsfell
Am Horizont des schlafenden Sees erschien ein Schiff, dessen Segel rot wie Blut waren. Aufgebläht wölbten sie sich im nichtvorhandenen Wind wie der Bauch einer Schwangeren. Von Ferne hörte ich die Sirenen rufen, höre ihre Stimmen, werde hörig und schwimme weiter. Schwimme dem Schiff entgegen, welches immer weiter in seinen Untergang treibt. Ich lausche der Versuchung und beobachte entrückt, wie es mit einem Mal auf ein Riff aufläuft und zerbirst. Der Blick wird schmaler, bald erkenne ich nur noch den Himmel, der sich rot färbt. Ich werde untergehen, keine Luft mehr bekommen, sehe die vielen Männer, die, dem Untergang geweiht, zum Boden des Sees treiben. Ich treibe mit ihnen, trieb es zu bunt, werde aus dem wässrigen Paradies vertrieben. Erschöpft lande ich auf der Straße einer versunkenen Stadt und lasse meine Blicke schweifen. Dort ist die Schmiede, hier das Handelshyrd, und auf der anderen Seite meine Taverne. Ich werde durch ein waberndes Blau hinüber zum Gyldurfjord blicken und zahlreiche Schiffe entdecken, die vor Anker liegen. Schatten werden durch die Straßen huschen, schnell und unaufhaltsam. Die Häuser der Studur wachsen morgen in den Himmel, die Straßen werden enger, die Gerüche, die ich zum ersten Mal seit langem wieder empfinden kann, nehmen heutzutage zu. Es stinkt erbärmlich, treibt mir Tränen in die Augen, die sich mit dem mich umgebenen Wasser vereinen werden.
Erst jetzt bemerke ich, wie ich unaufhaltsam in die Höhe getrieben werde, die Studur von oben sehe, beobachte, wie sie Ausmaße erlangt hat, die ich nie erwartet hätte. Ich entferne mich nach und nach von meiner Studur.
Kurz darauf stand ich wieder knietief im Wasser, hatte meinen Rock gerafft und starrte auf meine Füße. Mit dem Spiegel hatte es sich ausgespiegelt, das Wasser schlug Wellen, und der eisige Wind fuhr durch meine Glieder.
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