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Moiras Enzy

Autor(en): Moira Wolfsfell

Kapitel 15

Brüllend und mit schwingender Axt standen die Menn an der Reeling, als die "Bylgjanbrytr" Ranabar erreichte. Ihre Schlachtrufe weckten mich aus meinen finsteren Träumen. Ich sprang auf und stolperte - noch müde und erschöpft - an Deck. Der runde Vollmond stand reif am Himmel und tauchte das Schiff mit seiner Besatzung in ein unwirkliches Licht. Es war unheimlich. Man konnte fast die Anspannung spüren, die in der schneidend kalten Luft lag.
Die Beiboote wurden zu Wasser gelassen und mit lautem Kampfgeschrei sprangen die Menn hinein, um mit ihnen zum Ufer zu rudern. "A-rarr!" riefen sie kampfbesessen, und die eilig ausgestoßenen Gottesehrungen ließen selbst mir einen Schauer über den Rücken laufen.
Ich nahm das letzte der Boote, schließlich hatte ich es nicht eilig, die Küste von Ranabar zu erreichen. Die Menn ruderten wie von Höggr geführt mit gewaltigen Zügen an Land, ließen das Boot stehen und stürmten zu den Dörfern, die es zu plündern galt.

Obwohl sich in meinen Adern das karolingische Blut regte, blieb ich ruhig. Försakret, karolingisches Blut? Ich wunderte mich über meine eigenen Gedanken und vergaß sie allzubald.
Die Schreie der Angegriffenen hallten über die weite See und wurden von den Wellen zurückgeworden. Schlachtenrufe vermischten sich mit Klagerufen und erinnerten mich an meine frühe Jugend, als ich selbst zu Plünderungen aufbrach, stahl, brandschatzte und zerstörte.
Mein Hab und Gut versteckte ich unter einem Baum hinter einem Felsen, der an der Küste Ranabars lag. Mit einem Helm und meinem Degen würde ich niemals unerkannt durch das Land kommen. Ich hoffte, daß mein blau-weißes Kleid einen harmlosen Eindruck vermitteln würde - daß der Ausschnitt die Menn nicht an eine kühne Stridyr erinnerte, sondern ihre Blicke von meinem Dolche, den ich unter dem Kleid trug, ablenkte. Und wie so oft, wenn es um die Einschätzung von Menn ging, sollte ich recht behalten.

Ich lief die ganze Nacht hindurch, bis ich das Kampfgeschrei der Besatzung der "Bylgjanbrytr" nicht mehr vernahm und ein kleines, unscheinbares Dorf erreichte. In nur wenigen Hyrden brannte noch ein Feuer, doch der Mond erhellte den Ort, und tauchte ihn ein in ein kühles, wundervolles Licht. Ein großer Baum stand inmitten des Ortes und verdunkelte den Platz um ihn herum mit seinem dichten Blätterwerk. Anstatt in einer Schenke Unterkunft für eine Nacht zu erfragen, machte ich es mir unter dem mächtigen Baum bequem, jederzeit bereit, mich gegen Dorfbewohner, wilde Tiere oder seltsame Gestalten zu verteidigen.

Ich wachte auf, als ich etwas an meiner Seite spürte. Mit einem gewaltigen Hieb schlug ich die Hand des Diebes zur Seite und sprang auf, die Hand am Dolche, zum Kampf bereit. Ich brauchte eine kurze Zeit, eh ich begriff, daß kein Dieb seine Hand im Spiel hatte, sondern ein Tier, welches ich noch nie zuvor gesehen hatte. Über und über mit schwarzen Punkten besäht, stand es mir gegenüber. Es fletschte die Zähne und erinnerte mich sogleich an einen Eisbären, vielleicht auch an eine Katze, ich war mir keineswegs sicher. Daß mein kleiner Dolch hier keinen Schaden anrichten könnte, erkannte ich gerade noch, als das Tier auch schon zum Angriff überging. Mit einem gewaltigen Satz sprang mich an und verbiß sich tief in mein Schienbein. Es hatte die Größe eines kleinen Mannr, würde es sich aufrecht stellen, weshalb es mich mit seinem plötzlichen Angriff umwarf. Kaum wußte ich, was geschah, ließ es auch schon los, und sprang auf meinen Hals zu, um sich sogleich in ihn zu verbeißen. Doch etwas stieß es zurück. Mein silbernder Anhänger schien mein Leben gerettet zu haben. Das Tier jaulte auf und wollte davonrennen, da stürzte ich mich auf es und schlug ihm mit einem Stein den Schädel ein.

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