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Moiras Enzy

Autor(en): Moira Wolfsfell

Kapitel 17

Es vergingen Monate, die ich durch Studuren und Felder streunte. Ich verdiente mir mein Essen und meine Unterkunft durch harte Arbeit auf dem Feld, in einer Taverne oder beim Ausmisten von Pferdeställen.
Eines Abends ließ ich mich, erschöpft und müde von einem langen Marsch, in einer Taverne namens "Spielwiese" nieder. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen: Die Lesvodis haben sich hier doch wirklich mit der Tatsache angefreundet, als Spielwiese der Walis immer aufs Neue ausgebeutet zu werden. Gut, in den letzten Jahren hatten sich zumindest die Hymirfahrten der Heden gemäßigt, die Toten waren längst nicht mehr so zahlreich wie früher, dennoch wunderte ich mich über den Sarkasmus.
Als ich über die Schwelle der Taverne trat, hörte ich auch schon aus der hinteren Ecke ein bekanntes und geliebtes Geräusch. Würfel, klappernd in einem Würfelbecher, brüllende Menn und den Geruch starken Weins.
Noch immer grinsend setzte ich mich in die andere Ecke des Raumes. Heute war ich nicht in der Stimmung, mein letztes Hab und Gut zu verspielen, sollte der Reiz auch noch so groß sein.

Ich bestellte einen Wein und lehnte mich zurück, um das Treiben in der Taverne zu beobachten. Die Stimmung der Kellnerin, die den Becher brutal vor mich auf den Tisch knallte, führte ich zurück auf den Zustand der Taverne: Der Dreck lag fingerdick auf dem Boden, und unter den Sohlen hatte sich schnell eine Kruste von Essensresten gebildet, die ihre wohlschmeckenden Tage schon seit langer Zeit hinter sich hatten; der Tisch klebte - vermutlich hat hier noch nie jemand die Dringlichkeit gesehen, das verschüttete Gesöff abzuwischen. Kurz: Ich wußte, daß ich meinen Becher leeren und gleich wieder gehen würde. Als ich aber den Becher ansetzte, bemerkte ich, wie einige Krümel an meinen Lippen klebenblieben. Angewidert stellte ich den Wein auf den klebrigen Tisch zurück und erhob mich. Der leichte Widerstand, den ich dabei an meiner Kleidung verspürte, ließ mich darauf schließen, daß auch die Bank, auf die ich meinen erschöpften Körper niedergelassen hatte, eine nicht geringe Schmutzkruste aufweisen mußte.

An diesem Tage, im Dreck der Gaststätte, im Halbdunkel der Nacht faßte ich meinen Entschluß:
Lange war ich durch die Welt gereist, habe Studuren und Länder gesehen, Menschen und andere Wesen getroffen, und doch hatte ich mich noch nie an einem Ort so wohl gefühlt, wie dort, wo ich einst Thoran verließ. Es ward zu einer fixen Idee - und zu meiner Heimat geworden.
Am nächsten Tag verließ ich den Ort und machte mich mit ehrfurchtsgebietendem Helm und Degen auf den Weg zurück nach Waligoi. Ich würde dahin gehen, wo die Berge schneebedeckt waren, wo sich grüne Wiesen und dunkle Wälder vereinten und zusammen mit dem silbernen Fluß eine Landschaft bilden, die es schöner nicht gibt. Dort würde ich eine Studur gründen, ich würde das Leben auf dem Planwagen aufgeben und mir eine Heimat aufbauen. Meinen Werir müßte ich erst einmal kennenlernen, dann ihm von meinem Vorhaben berichten, aber ich wußte schon jetzt, daß ich ihn um den Finger wickeln würde.