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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

Hinter einem Mauervorsprung des Hyrds versteckte ich mich.
Ich mußte nicht lange warten, bis eine wohlvertraute Stimme aus dem Innern des Höfdhingrathyrd hallte. "Diese Moira! Immer das gleiche!" schrie sie und ich mußte mich schwer zusammennehmen, nicht laut zu kichern. Der Kleine mußte überzeugend gewesen sein! Nun konnte ich die schallenden Schritte hören, gepaart mit schnaufenden Ausrufen und Flüchen. Die Tür wurde aufgerissen, und heraus kam ein wutentbrannter, vor Ärger rotgesichtiger Werir! "Ich bringe sie um! ICH BRINGE SIE UM!" rief er und verschwand nach kurzer Zeit hinter dem Gebäude.
Ich klopfte mir als eigene Anerkennung einmal kräftig auf die Schulter, murmelte leise und ein Lachen unterdrückend "Moira, du bist ein As!" und lief geradewegs in die Räume des Werirs. Wie gut es doch war, sich auf seinen Werir verlassen zu können! Wie gut es war zu wissen, wie er auf Gerüchte reagieren würde, die besagten, seine unfreie Stadthalterin hätte den sich im Bau befindlichen Griskanal fluten lassen, um den entstandenen See zur Schlittschuhbahn zufrieren zu lassen.
Er würde eine Weile brauchen, auf die andere Seite des Gylurfjords zu gelangen, um zu erkennen, daß die Arbeiten dort seinen gewohnten Gang nahmen. Ich hatte also genügend Zeit, mich mit des Werirs Truhen, Kisten und Regalen auseinanderzusetzen. Eigentlich hoffte ich nur auf irgend ein Teilstück, welches mich wenigstens in die Nähe einer Idee bringen könnte, wer den Braumeister getötet hat. Denn noch tappte ich absolut im Dunkeln.


Ausgebreitet auf dem Tisch Grisgrims lag ein Schriftstück, welches über die Geburt, das Leben und den Tod des Braumeisters Auskunft gab. Ich vermutete, daß Grisgrim vorhatte, sich für die Totenfeier am heutigen Abend vorzubereiten. Ob er wohl erwähnen würde, daß Bráthord schon des öfteren im Außenposten des Blymströndervördur im Kerker saß, weil er völlig betrunken mitten auf der Straße gelegen hatte, oder aus dem gleichen Grund eine Keilerei angezettelt hatte?
Das Einkommen des Braumeisters, so erfuhr ich aus einigen anderen Schriftstücken, war überraschend hoch. Ich war erstaunt, wieviel ein Mannr in dieser Studur verdienen konnte! Vielleicht sollte ich Grisgrim fragen, wer der Nachfolger werden sollte. Apropos Grisgrim: Ich stand vom Tisch auf und schob die Papiere wieder so zusammen, wie ich sie vorgefunden hatte. Den Stuhl rückte ich an seinen Platz zurück, und zog einen Moment den schweren Ledervorhang vor dem Fenster zur Seite, um frische Luft hineinzulassen. Ich war mir durchaus bewußt, daß es eine dumme und nun verräterische Idee gewesen ist, vom wasservölklerischen Badeöl wie eine Blumenwiese duftend in fremde Hyrden einzudringen. Nach kurzer Zeit zog ich den Vorhang wieder zu und glättete die entstandenen Falten.

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