Die Ankunft von Julien, dem Knochenbrecher
Autor(en): Moira Wolfsfell
Am nächsten Morgen erwachte ich wie erwartet mit einem schweren Brummschädel. Die Sonne kitzelte mich zur Begrüßung des Tages munter an der Nase und ich war mir sicher, daß sie es absichtlich tat. Aus müden Augen knurrte ich sie an und murmelte:"Geht weg!" - doch sie blieb. Es war schon immer so und würde wohl auch immer so bleiben: Am Tag nach einem "Hunr zuviel" scheint die Sonne hart und unbestechlich, gemein und schadenfroh: wie mein ehrlicher Werir. Gab es schon einen Tag in meinem Leben, an dem ich mit einem schweren Kopf aufwachte, und es regnete? Die einfache Antwort war: Nein.Ich schloß die Augen, um noch etwas heilenden Schlaf zu finden, als ein ohrenbetäubendes Hämmern durch meinen Kopf schoß. "Die Waffenschmiede!" kam mir der Gedanke, und ich erinnerte mich sofort an einen alten Mannr, der sich vor wenigen Tagen bei mir beschwert hatte, es sei am frühen Morgen viel zu laut. Die Schmiede würde ihn um seinen wohlverdienten Schlaf bringen. Ich hatte der Schmiede sodann aufgetragen, die Arbeit zeitlich etwas zu verschieben, und Fenra hatte sich sogleich dazu bereit erklärt, etwas später mit dem lauten Hämmern zu beginnen...
Ich wischte die wollene Decke zur Seite und rollte mich schwerfällig aus dem Bett. Sauer auf Höggr und die ganze Welt taumelte ich zu meinem Waschzuber und schüttete mir seinen eiskalten Inhalt über mein dickes Haupt. Dann zog ich mich an und lief hinüber zum Chirorgos, um mir ein Mittelchen gegen diese besondere Übelkeit geben zu lassen. Das rege Treiben auf der Straße machte mich fast verrückt. Scheiende Kinder (war denn heute schon wieder schulfrei?), Menn, die durch die Straßen liefen, um Baumstämme und Werkzeuge zu transportieren und ein Werir, der mit zusammengekniffenen Augen auf die Apotheke zuwankte. "Heh, Werir! Was macht Ihr denn beim Chirorgos? War etwa der Hedensaft verdorben?" zog ich ihn auf und verfluchte mich sogleich ob meines lässigen Tonfalls. Der Werir knurrte mich böse an: "Ich wollte lediglich den werten Chirorgos fragen, ob er gut genächtigt hat. Schließlich kann man bei dem ohrenbetäubenden Lärm der Waffenschmiede sicherlich kein Auge zumachen! Ein Hoch auf die Stadtplanung!" Er grinste verächtlich. Ich vermute, wäre ich nüchtern gewesen, daß ich eine passende Antwort hätte erwidern können, doch an diesem Tag blieb mir nur ein stilles "Jaja, schon gut" im Halse kleben und die Erfahrung, aus einem Wortgefecht mit meinem Werir nicht als glorreiche Siegerin hervorzugehen.
Im nächsten Moment ging alles furchtbar schnell. Ein Wagen, auf dessen Ladefläche eine unglaublich dickbäuchige Kunnyr lag, hielt mit lauten Rufen des Wagenlenkers vor der Apotheke. Das Gesicht der Kunnyr war so rot wie Hedensaft, der Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Atem ging unregelmäßig und schnell. "Herr Devereux!" rief der junge Mannr aufgeregt, stieß den Werir ungeachtet seiner Würden zur Seite und riß die Tür der Apotheke auf. "DEVEREUX!"
Nur wenige Sekunden später stürzte er wieder heraus, gefolgt von Julien, der sich die Ärmel hochkrempelte und mit sicherem Schritt zum Wagen ging. Als er mich sah, lächelte er, nur, um mir im nächsten Moment mit einem unhöflichen Befehlston, den ich bislang nur von meinem Werir kannte, zuzurufen: "Ich brauche heiße Tücher, sofort! Und bringt es in mein Haus! Wir haben einiges vor uns!"
Ohne nachzudenken und , vermutlich ob meiner Überraschung sogar ohne zu protestieren, tat ich, wie mir geheißen wurde. Die dicke Kunnyr wurde vom Wagen gehoben und ins Hyrd gebracht. Ich rannte in den "Plappernden Wolf", erhitzte in einem großen Topf Wasser und stopfte alles, was annähernd wie Tücher erschien, in diesen hinein. Den Topf schleppte ich mühsam hinüber in die Apotheke und sah nun, was dort vor sich ging: Die Kunnyr gebar ein Kind!
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