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Moiras Enzy

Autor(en): Moira Wolfsfell

Kapitel 2

Ich nahm mein mir von Hyldir gegebenes Schicksal an und verbrachte nun meine Zeit mit den jungen Heden bei Kampf und Spiel. Zu Beginn der Seereise hatte ich noch schwer mit dem Seegang zu kämpfen, doch auch das legte sich nach wenigen Stunden. Ich lernte schnell, mußte ich doch allen beweisen, daß in mir mehr als nur ein kleines Mädchen steckte. Nein, ich würde eine Stridyr werden, so schaurig, daß selbst die Amazonen in Tesstora vor Neid und Ehrfurcht erblassen würden.
Ich kämpfte und übte, gewann und verlor, die Jahre vergingen, und ich bezwang mein Schicksal mit Übung, Ausdauer und Stolz. In dieser Zeit lernte ich die Hymirfahrten kennen, doch die große Freude daran blieb mir auf immer verwährt. Meine Mutter wurde einst auf einer derer Fahrten geraubt und verbrachte nun ihr Leben in der Hedensippe. Sie beklagte sich nicht, doch hatte sie ihr Schicksal nie selbst wählen können.
In diesen Jahren sah ich die Küsten Waligois. Die "Styrmtyngverdar" folgte den Kurven der Südküste, vorbei an Greborg, Boras und Taihartu. In Yggrgard verbrachten wir einige Wochen, weil viele junge Stydaren des Skepp bei ihrem Landgang in der riesigen Studur, die doch so vieles zu bieten hatte, verloren gingen. Im Wes und Ydd des Landes genossen wir das milde Klima, im Nor erreichten wir Jarnigard und letztlich Nya Askivik.
Ich war mir meines Glückes bewußt, Waligoi kennenzulernen, war mir bewußt, die einzige meiner Sippe zu sein, die die Küsten ganz Waligois gesehen und davon vieles zu berichten hatte. Verlor sich das Gefühl des Heimwehs nach einigen Wochen auf hoher See, so kehrte es nach vielen Jahren, da ich nun zur Stridyr ausgebildet worden bin, umso stärker zurück.

So begab es sich eines Herbsttages, der eisige Wind brüllte in die Segel, dazu erkoren, das Meer immer wieder aufs Neue aufzuwühlen und auseinanderzutreiben, daß ich, mein Herz voll Schwermut und Heimweh, an Deck der "Styrmtyngverdar" saß, meine Axt schliff und plötzlich den Blick eines Jungen in meinem Nacken spürte. Ohne mich umzudrehen, sprach ich ihn an: "Was willst Du, junger Hede? Möchtest Du mich feige von hinten überfallen und meine Axt stehlen? Das nenne ich wirklich heldenhaft!"
Ich drehte meinen Kopf und schaute in ein verwirrtes, von kühn abstehenden, dunkelbraunen Locken umrahmtes Gesicht. Trotz der Narbe, die sich quer über seine Stirn und den Nasenrücken zog, war sein Blick offen und ehrlich. Ein Grinsen huschte über sein spitzbübisches Antlitz, als er mich vor meiner viel zu großen Axt sitzen sah, welches sich aber unmittelbar danach in eine überhebliche Grimasse verwandelte. Verächtlich schnaubte er: "Was willst Du mir schon antun! Du kannst ja nicht einmal Deine Axt anheben, geschweige denn, sie schwingen! Kunnyren polieren die Waffen ihrer Menn, sie kämpfen nicht!"
Das brachte mich auf. Das machte mich, försakret nochmal, richtig wütend. Ich sprang auf, die Axt in der Hand und stürmte kopflos auf mein Gegenüber zu. Ein fieser Kampfschrei entwich meiner Lunge, und die Axt zerbarst die Planken zwischen den Füßen des leichtsinnigen jungen Heden, der meinte, sich mit mir anlegen zu können.
Sein überhebliches Grinsen verschwand auf der Stelle. Stumm starrte er auf die Axt, die sich gewaltsam in das Holz vergraben hatte, nur wenige faeng von seinen Füßen entfernt. Sein zuvor angespannter Körper erschien, als habe er seine Kraft verloren, und aus seiner erschlafften Hand fiel ein kleines rotes Blümchen - direkt neben die riesige Axtklinge.
Meine Hände waren noch immer fest um den Griff meiner feststeckenden Axt geschlungen, als ich ihn hochroten Kopfes davonlaufen sah. Ihm etwas hinterher zu rufen, gelang mir nicht mehr. Doch ich bückte mich, hob das duftende, doch leicht verwelkte Blümchen auf und öffnete das noch leere Silberdöschen, das ich als Amulett um meinen Hals trug. Dort legte ich die Blume hinein und verschloß es.
Der junge Hede aber mied mich seit diesem Zeitpunkt. Schon einige Tage später, als wir in den Hafen von Boras einliefen, verließ er die "Styrmtyngverdar" und ich sah ihn lange Zeit nicht wieder.


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