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Dekadent

Autor(en): Grisgrim & Moira Wolfsfell

Ich blieb noch in der Tür stehen. Grisgrim, der mir galant die Tür geöffnet hatte, stolperte gegen mich, ohne mich auch nur einen Jarkhan weit in die Gaststätte, oder das, was es nun war, bewegen zu können.

Ich schluckte.

War dies wirklich der Plappernde Wolf? Ich trat einen Schritt zurück, drückte Grisgrim zur Seite, erhob den Blick und glotzte auf das Holzschild, das schief, wie ich es damals an meiner Taverne angebracht hatte, über dem Eingang prangte. Tatsächlich. Ein Seitenblick auf Grisgrim werfend, allen Mut zusammennehmend und schlußendlich die Verwirrung beiseite schiebend machte ich diesmal drei Schritte nach vorne und stand inmitten des Schankraums.

Der Laden quoll über von Menschen. Wo gestern noch - ja! gestern - Stühle und Tische ordentlich nebeneinander gereiht waren, wo der Boden frisch gewischt und einigermaßen sauber war, wo die Gäste angehalten waren, sich zu benehmen, herrschte nun absolutes Chaos. Die Füße hatten sie auf die Tische gelegt, rülpsten und gröhlten, schwangen die Hunren, daß sie den guten Met verschütteten. Es gab nur noch wenige ganze Hocker oder Stühle, den meisten fehlte ein Bein, sie waren zerschlagen, lagen in den Ecken, und niemand, wirklich niemand kümmerte sich darum. Wer von den mennlichen Gästen einen Stuhl und somit das Glück hatte, sitzen zu können, dem saß eine Dirne auf dem Schoß, die ihn betatschte und deren Hände einen seeligen Ausdruck auf sein Gesicht zauberte.
Doch das Schlimmste an allem war der Geruch: Es stank in der Gaststätte wie der Atem eines toten Frysen!
Ich kämpfte mich durch stinkende Körper, vorbei an klebrigen Tischen, hin zur Theke.
"Isagra!" rief ich laut und vernehmlich. "Wo steckt ihr? Wer hat das zu verantworten?"
Ein junger Mannr, der hinter der Theke ein Hunr mit einem vor Dreck starrenden Tuch abtrocknete, drehte sich gelangweilt zu mir um.
"Wo, vid Höggr, ist Isagra?" fauchte ich ihn an.
"Wer?" brummte er gelassen und hielt es nicht einmal für nötig, mir in die Augen zu schauen.
"Isagra! Meine helfende Hand! Die Schankmaid des", ich verbesserte mich schnell, " meines Plappernden Wolfes!"

Der Mannr legte das Hunr zur Seite, stöhnte laut und vernehmlich und bequemte sich nun endlich dazu, mich anzuschauen. "Ihr meint doch wohl nicht die seltsame Alte, die hier vor Jahren gearbeitet hat?"
"Seltsame Alte? Aber..." Ich gebe zu, ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, aber es ist auch nicht einfach zu akzeptieren, die letzten zehn Jahre nicht mitbekommen zu haben. "Die Alte. Genau. Sie arbeitet nicht mehr hier? Wie kann das sein? Wer ist dafür verantwortlich?"
"Hyldyr, schätze ich", warf er mir die Antwort gefühllos entgegen. "Sie ist tot."
Tot? Ich hatte das Gefühl, meine Beine sackten unter meinem Körper weg. Und das Gefühl täuschte mich nicht. Nach Atem ringend fand ich mich auf dem dreckigen Boden der Taverne wieder.

Wenn Ihr glaubt, es hätte auch nur einen Menschen gegeben, der mir wieder auf die Beine half, so irrt Ihr. Eine gute Weile saß ich in einer stinkenden Pfütze aus Met, Wein und Essensresten, die, nach genauerer Betrachtung aussahen wie die Reste eines gebratenen Hühnchens. Als ich merkte, wie die Nässe in meine Kleidung kroch, rappelte ich mich mühsam auf. Betreten und traurig über den Verlust einer guten Freundin wischte ich mir die Tränen aus den Augen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus diesem Loch. Doch wohin war Grisgrim verschwunden? Ich schickte meinen Blick auf die Reise und entdeckte ihn schließlich, wie er metschwenkend und gröhlend inmitten einer Gruppe von Dirnen saß, die ihm die Schultern und Schläfen massierten.



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