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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

Ich lief durch die Studur, um meine Gedanken ein wenig abzulenken. Es brachte mir nichts, stur zu versuchen, eine Lösung zu finden. Dies geschah sowieso immer dann, wenn ich mich gerade nicht mit dem Problem beschäftigte. Indem ich den wolkendurchzogenen Himmel betrachtete und nebenbei verträumt gegen Menn und Kunnyren der Studur rannte, versuchte ich, nicht an Bráthord und Isagra zu denken. Stattdessen lief ich zum neu gebauten Wachturm Ulfurstuds und bewunderte die Konstruktion. Der riesenhafte Schatten warf sich wie ein dickes, müdes Jakh auf den Pfad, der zu seinem Tor führte. An seinen Seiten hingen die vier walischen Schilde, die anzubringen ein wahres Abenteuer gewesen war. Naiv in meiner Planung erdachte ich mir damals einen viereckigen, auf einem steinernden Podest erbauten Turm, dessen Spitze ein hölzerner Kranz umgeben sollte, der als Aussichtsplattform dienen würde. Von ihm herab hingen zu festlichen Anlässen Flaggen und Fahnen, die zur Ehre berühmter Besucher gehißt werden sollten. Das Schwierigste am Bau war jedoch die Anbringung der riesigen Schilde, mehrere yarkhan in ihrem Durchmesser, schwerer als 20 kräftige Heden zusammen. Mit einem riesigen Seilzug, der an der Aussichtsplattform mit starken, metallenen Haken befestigt ward, wurden diese von Dutzenden von Menn unter Stöhnen und Schnaufen hinaufgezogen. Ein Mannr, der sich von dem hölzernen Kranz mit einem Seil herabgelassen hatte, hatte nun versuchen müssen, das unhandliche und in der Luft schwingende Schild an die vorgesehene Stelle zu bringen und dort mit Nägeln, Holzbalken und Seilen so zu befestigen, daß niemals die Gefahr besteht, daß eines der Schilde hinabstürzte und zahlreiche Menschen begraben könnte! Es war ein Kraftakt sondergleichen, doch es gelang! Ich war froh, daß ich während des Baus am Fuße des Turms stehen und die Arbeiten koordinieren durfte, denn meine Höhenangst hätte mich zu einem jämmerlich weinenden Häufchen Elend gemacht.
Ich beschloß, den Turm hinaufzusteigen, um die offensichtlich herrliche Aussicht dort oben genießen zu können. Schnaufend stieg ich die 87 Stufen hinauf und kam, als ich die Plattform erreichte, erst nach einer Weile wieder zu Atem. Der Ausblick war überwältigend! Ich klammerte mich an die Brüstung und mein Blick schweifte über den wunderschönen Gyldurfjord. Ich genoß die kalte Seeluft, die unablässig durch meine Kleidung fuhr und mich das eisige Leben fühlen ließ. Dann blieb mein Blick auf einem prächtigen Skepp hängen, zu weit, um zu erkennen, welche Fahne gehißt war, doch nah genug, um zu wissen, daß es sich um kein walisches Langschiff oder eine frysische Kogge handelte. Dafür war es zu groß, zu mächtig...zu schön! Ich erinnerte mich an die Worte im "Plappernden Wolf". Korsaren hatten vor wenigen Tagen hier angelegt, waren in der Studur umhergelaufen, und hatten es nicht einmal für nötig gehalten, sich der Stadthalterin vorzustellen, geschweige denn, Versuche zu unternehmen, Handel mit der hedischen Studur zu treiben. "Vor einigen Tagen", ging es mir durch den Kopf. Was suchten sie hier? Oder wen?


Ich beschloß, dem korsarischen Skepp einen Besuch abzustatten. Doch dies würde ich erst morgen tun, denn mein Körper fühlte sich allmählich an, als hätte sich eine Horde Istrollen auf ihn gestürzt, um ihn zu zermalmen. Auch wollte ich meine Brandwunden von Devereux, dem stadtbekannten Pharmaceuticus, untersuchen lassen. Mittlerweile hatte sich eine leichte Kruste auf meinen Armen gebildet, die nicht wirklich schön anzusehen war. Und - Erotik hin oder her - ich empfand solch großflächige Narben als nicht besonders attraktiv.

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