· 23 · 24 · 25
Windspiel
Autor(en): Moira Wolfsfell
Entgeistert setzte ich mich auf und bemerkte plötzlich die Kälte, die mich umgab. Heute früh noch hatte ich unbekleidet in meinem Hyrd gehockt und mich mit kaltem Wasser erfrischt, doch nun, da sich der Mond voll und rund am Himmel zeigte, kam es mir so vor, als sei der Winter in die Studur zurückgekehrt. Ein Schauer rutschte mir den Buckel runter. Mit knirschenden Knochen erhob ich mich und schaute in zwei ziemlich verdutzte Gesichter. Eines davon war das des Frysen, das andere mein eigenes, welches mir im Wandspiegel fassungslos entgegenglotzte. Das dritte Gesicht in diesem Raum starrte teilnahmslos in die Luft: Tyggris ging wenige Schritte und zerrte zwei der Felle von meinem Bett. Diese schüttelte er aus und legte es vor die Feuerstelle, in dem kleine Flammen knisterten. Nein, Tyggris, nicht neben das Bett! dachte ich heimlich, doch leider, leider mußte ich andere Dinge klären.
Ich wandte mit Bedauern meinen Blick von ihm ab und starrte erneut in das dreiste Gesicht des Hyrdbesetzers.
"Seit Monden, heh?" pflaumte ich Jedder an. "Ich habe erst heute früh die Studur verlassen!"
Ein Schnaufen und Schmatzen erreichte mein Ohr. Tyggris hatte es sich in den Fellen bequem gemacht und schlief - gemütlich in sie eingerollt - vor dem flackernden Feuer ein.
Unterdessen reichte mir der Fryse seine Hand, damit ich wieder auf die Beine kam. Schnaufend erhob ich mich und funkelte ihn an: "Seit Monden, försakret?"
Ich gebe zu, mein Wortschatz bestand zu diesem Zeitpunkt nicht gerade aus Juwelen und Edelsteinen, eher nagten die Holzwürmer an der Truhe. Dennoch wollte ich dem bekannten Frysen die Chance lassen, seinen Einbruch zu rechtfertigen. Wer weiß, vielleicht hatte er spannende Frysenwolle zu spinnen, die mich belustigen würde!
"Seit zwei Monden, um genau zu sein", strahlte er mich süffisant und von meinem Ausbruch wenig beeindruckt an. Dann müßte ich wohl deutlicher werden...
"Zwei Monde, drei, vier fünf oder sechs - Hymmur, Söbur urd Snurn - das ist mir völlig egal! Das Hyrd gehört mir! Ihr habt hier nichts verloren!"
Jedder neigte seinen Kopf zur Seite. Etwas in demselbem schien in Bewegung zu geraten. Allmählich hatte ich kein großes Vertrauen mehr darin, daß sich dort überhaupt noch etwas bewegen könnte, doch erwartete ich zumindest eine Entschuldigung. Stattdessen legte er mir seine Handfläche auf die Stirn und murmelte von "Fieber" und "kein Wunder, bei der Kälte".
Ich schlug seine Hand beiseite und baute mich vor ihm auf. Zugegeben, das machte wenig Eindruck, da ich etwa einen Kopf kleiner war als er, doch mein finsterer Blick hatte noch jeden in die Knie gezwungen. "Was", ich sprach nun sehr, sehr langsam, damit auch ein Fryse mich versteht, "ist hier geschehen?"
"Nun", antwortete er ruhig und bedächtig, "ich wohne hier, seitdem mein Haus inmitten der Stadt abgebrannt ist. Ich schätze, es waren Brandstifter, aber das wollt ihr in diesem Moment gar nicht wissen, oder?"
Fassungslos starrte ich ihn an. Wie konnte er es sich herausnehmen, auch nur zu vermuten, was ich wissen wollte und was nicht? Und... wieso drehte sich plötzlich alles?
"Man erzählte mir, als ich mit meinen Schiffen in Ulfurstud einlief, daß ihr seit Jahren verschwunden seid! Ihr und", er wirbelte einige Runden lang seine Hand "der Ex-Werir."
"Hm?" murmelte ich, und meine Augen folgten seinem Fingerzeig. "Hm", brummte ich dann bestätigend.
Der Fryse fuhr fort: "Nun, ich selbst konnte es nur schwer glauben, schließlich hatte ich doch noch vor einem guten Jahr mit euch Geschäfte gemacht. Aber hier scheint das Rad der Zeit sowieso ein wenig schneller zu gehen..." Jedder lachte kurz auf, dann fuhr er fort: "Tja, und da die Eigentümerin dieses Hauses seit, sagen wir einfach, langer Zeit nicht mehr aufgetaucht war, bot ich einen guten Preis für diesen wirklich hübsch gelegenen Bau und zog um."
"Aha", antwortete ich, nicht weniger gedankenverloren als eben. Doch dann erwachte etwas in meinem Kopf, und ich schrie ihn an: "Aber ICH bin doch die Besitzerin!"
Vor der Feuerstelle zuckte ein Bündel aus Felldecken zusammen.
"Liebe Moira, ich denke, wir sollten uns nun schlafen legen. Das andere können wir alles morgen klären."
Ich nickte, tapste erschöpft zu meinem Bett hinüber und ließ mich in die restlichen Felle plumpsen. Wie gerne hätte ich mich neben Tyggris vor das Feuer gelegt, mich bei ihm eingerollt, seinen Arm über meinen Körper gezerrt. Aber um nichts in der Welt wollte ich dem betrügerischen Jedder mein Bett überlassen! Hätte ich noch einen Blick über die Schulter geworfen, so wäre mir ein verdutzter Fryse aufgefallen, der gegen meine Handlung kurz protestierte, sich dann besann und ein Fell neben das von Tyggris ausbreitete.
+ + +
weiter >>>