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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

Handwerker waren gerade dabei, das neu angefertigte Schild des Quacksalbers anzubringen. Julien Devereux stand fuchtelnd vor seinem Hyrd und navigierte das Schild an seine richtige Position. "Devereux!" rief ich. "Wie schön, Euch zu sehen!"
Er begrüßte mich wie eine alte Freundin und war empört, daß ich erst jetzt zu ihm kam, um meine Wunden behandeln zu lassen. Wir gingen in sein Hyrd, und ich legte mich auf eine von zwei Bettstätten. Um mich herum im Raum standen zahlreiche Flaschen, Tiegel und allerlei unnützes Zeug, wie ich fand. In einigen der Gläser befand sich etwas, das aussah, wie eingelegte Krötenfüße oder Finger. Finger? Angewidert wandte ich meinen Blick ab und beobachtete Devereux, wie er in einer Lade kramte. Ein gutaussehender Mannr - sein einziger Fehler, weshalb er noch allein in dem großen Hyrd gegenüber der Gaststätte wohnte, war wohl, daß er mit dem Herzen noch immer bei seiner vermißten Kunnyr Eleonora war.
Mit einem Tablett voll von Binden, Tiegeln und schmalen Klingen kam er auf mich zu.
"Was wollt Ihr mit den Messern?" fragte ich skeptisch und versuchte dabei, meine Lässigkeit zu bewahren. Devereux grinste nur.
Während er die zahlreichen Blasen aufstach und die an manchen Stellen fast rohe Haut behandelte, sagte er konzentriert: "Ich habe Seltsames bei Bráthords Leiche entdeckt." Überrascht blickte ich ihn an: "Bráthord wird von Euch untersucht?"
Der Pharmaceuticus nickte. Grisgrim sei es gewesen, der veranlaßt hatte, die Leiche des Braumeisters untersuchen zu lassen. Anerkennend nickte ich und legte fragend den Kopf schief: "Also, nun sprecht. Was ist so merkwürdig am Tod Bráthords?"
"Schaut selbst", sagte er gelassen und drehte sich um, um eine Decke anzuheben, die auf einer Schlafstatt gleich neben der meinen lag. Ich erschrak. "Bjarkörtret!" Ich lag schon wieder neben dem toten Braumeister! Allmählich wurde das wirklich unangenehm. Ich setzte mich auf und starrte auf die Leiche, die seltsam unnahbar erschien. Das dicke Gesicht sah aus wie eine Maske aus Wachs, gelblich und leblos - hatte diesen seltsamen Glanz, den tote Haut so an sich hat. Gestern noch war Bráthord ein stattlicher Mannr gewesen: Groß und breit im Wuchs, starke Schultern, auf denen ein freundlicher, runder und fast kahler Kopf ruhte und ein Bauch, der ihm die Sicht zu seinen Füßen verwehren mußte. Ich starrte auf die Wölbung, die dieser unter dem Laken abzeichnete und erinnerte mich an den vorgestrigen Tag, an dem der Braumeister noch im "Plappernden Wolf" eine riesige Menge an Kohlkrykk in ihn hineingestopft hatte.
Seine Augen waren glücklicherweise geschlossen und ersparten mir den Blick in seelenlose Höhlen, doch allmählich wurde mir übel, und ich drehte mein Gesicht betroffen ab. "Moira, schaut her, was ich meine!" Devereux war ein netter Mannr, also bedeckte er den Kopf wieder mit der Decke, so daß ich nur das sehen konnte, was seiner Meinung nach so seltsam war: An den Handgelenken Bráthords zeigten sich rote Striemen, die aussahen, als würden sie von Fesseln stammen. Mich beobachtend murmelte Devereux mit leiser, fast verschwörerischer Miene: "Ihr denkt das gleiche wie ich, nicht wahr? Bráthord wurde gefesselt, um elendig im Feuer zu verbrennen!"
Ich wollte es nicht glauben, schließlich hatte ich ihn doch gesehen, schließlich hatte ich ihn auf meine Schultern geladen und bin mit ihm durch den Raum... Natürlich! Der Ruck, der mir Bráthord im Feuer hatte entgleiten lassen, kam daher, daß dieser an irgendetwas festgebunden war! Er hatte sich nirgends festgehalten! Und er war bereits tot! Seltsam erleichtert ob dieses Wissens lehnte ich mich wieder auf die Schlafstatt zurück. "Es war also wirklich Mord", dachte ich düster und winkte Devereux müde zu, er solle weitermachen mit der Behandlung meiner Arme. Lächelnd trat er auf mich zu, als ich auch schon im nächsten Moment einschlief.

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