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Des Braumeisters Tod
Autor(en): Moira Wolfsfell
Ich erwachte spät am Abend, als einige Betrunkene sich laut vor dem Fenster unterhielten. Als ich mich gerade noch wunderte, was diese Menn so weit außerhalb der Studur machten, erkannte ich, daß ich mich noch im Hyrd von Devereux befand. Kurz darauf wischte mein Blick quer durch den Raum zu der anderen Schlafstatt hinüber, wo vorhin noch Bráthord gelegen hatte. Erleichtert stellte ich fest, daß Devereux den Toten wohl hinausgebracht hatte, um ihn - askard! - zu bestatten!Grisgrim hatte die Bestattung für heute Abend geplant! Das hatte ich aus den Schriftstücken im Höfdhingrathyrd herauslesen können! Und ich verschlief die Zeremonie!
Ich ärgerte mich über mich selbst und vor allem über den Quacksalber. Wie hatte er es zulassen können, daß ich die Bestattung verpaßte? Ich sprang auf und rannte aus der Tür hinaus zum Hafen. Bráthord war der Braumeister der Hedensaftbrauerei, ein wichtiger Mannr. Grisgrim wird doch wohl eine Seebestattung und keine schnöde Beerdigung angeordnet haben, vermutete ich. Doch als ich am Hafen angelangte, war weit und breit nichts von einer Zeremonie zu sehen. Aufgeregt lief ich in die Gaststätte, wo mich verwunderte Blicke maßen. Ich gebe zu, mein Aufzug war nicht gerade meinem Stand als Stadthalterin entsprechend. Erst jetzt bemerkte ich, welch wunderliche Figur ich abgeben mußte: Mein Hemd unordentlich über der Hose flatternd, ohne auch nur einen Gürtel oder gar Stiefel anzuhaben! Sicherlich standen mir die Haare unordentlich vom Kopf ab, die Ringe unter meinen Augen mußten fast schwarz schimmern, und ich war froh, daß ich mich nicht selbst sehen konnte. Der Raum war zum Bersten mit Menschen gefüllt, als ob es nichts wichtigeres geben würde als ein Hunr Hedensaft! Ich rempelte keuchend einen Mannr an, der neben der Tür saß und fragte ihn: "Sagt, werter Herr, wißt Ihr nicht, wo die Beerdigung des Braumeisters stattfindet?" Verwundert schaute er mich an und erwiderte leise, als ob ihm mein Auftritt peinlich wäre: "Werte Stadthalterin, wißt Ihr es denn nicht? Die Beerdigung findet morgen statt!"
Müde und enttäuscht blickte ich durch ihn hindurch. "Morgen", brummelte ich. "Hah!"
Ich durchschritt das Gasthyrd und suchte mir einen Tisch, an dem drei junge Menn dabei waren, ein Würfelspiel zu spielen, welches ich noch nicht kannte. Ich beobachtete sie eine Weile und wartete nur darauf, daß einer von ihnen mich bemerken und zum Spiel einladen würde. Es dauerte keinen Schluck, da saß ich auch schon am Tisch, und ließ die Würfel durch meine Hände gleiten.
Was für ein Gefühl! Die kühlen, beinernen Würfel schmeichelten meinen Fingern und berührten sanft meine Handflächen. Meine Fingerspitzen glitten aufgeregt über die Einbuchtungen der Zahlen. Dann schloß ich die Augen. Ich wölbte meine Hände zu einem Becher und begann sie fast zärtlich aber euphorisch zu schütteln. Der Klang, wie die kleinen Dinger heftig aneinanderschlugen, war wie Musik in meinen Ohren und ließ mich erschaudern. Ich ließ mir Zeit mit meinem Wurf, wollte ich doch so lange wie möglich das Gefühl der Vorfreude, des Spiels, des unbestechlichen Glückes spüren. Wieviel Zeit war vergangen, seitdem ich zum letzten Mal gespielt hatte? Ich hielt einen Moment inne und warf die Würfel triumphierend und mit einem Stoßseufzer der Erleichterung in hohem Bogen auf den Tisch.
Auftrumpfen auf Holz. Ein kurzes Klappern, bis Ruhe einkehrte.
Dann...
Nichts.
Vorsichtig öffnete ich ein Auge. Die Menn, die sich zum Spiel versammelt hatten, schauten mich entgeistert und wohl ein wenig zweifelnd an. Ihre Augen: weit aufgerissen. Ihre Münder: zu einem Grinsen verzerrt.
Dann, nach kurzer Zeit, ein erstes Lachen. "Fünf Einser!" brüllte der erste, dann stimmten die anderen in sein Gelächter mit ein. Mir blieb nur ein Moment der Scham. Schlechter hätte ich nicht werfen können. Fünf Einser! Das ist nichts! Wütend warf ich 2 Goldstücke auf den Tisch und trabte aus dem Gasthyrd. Ich sollte das Spielen aufgeben. Das sollte ich wirklich.
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