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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

Am nächsten Morgen erwachte ich erholt und wie neugeboren. Ich schaute mir die dicken Verbände an, die mir Devereux um die Arme gewickelt hatte und ärgerte mich, daß er keine Stoffetzen in einer zu meinem Oberteil passenden Farbe verwandt hatte. Der morgendliche Schwarzbohnentrunk ließ mich endlich ganz in die Welt zurückkommen. Ich hatte eine Menge vor, und dieses würde nicht warten können. Heute abend würde Bráthord der See übergeben werden, und noch immer wußte niemand, weshalb er sterben mußte. Ich wusch mich eilig und machte mich auf den Weg zum Höfdhingrathyrd.

Mein Werir empfing mich, wie ich es erwartet hatte. Nach einer langen und sehr lauten Rede, in der er ärgerlich mit den Armen fuchtelte und jedes wichtige Wort mit einem Streich durch die Luft unterstützte, beruhigte er sich allmählich wieder. Mittlerweile hatte ich gelernt, Grisgrim durch stetes "Ja, edler Werir", "Es tut mir leid" und diverse andere beruhigende Floskeln zu besänftigen. Auch diesmal zeigte die unterwürfige Haltung schnell einen Erfolg. "Kanal überflutet!" brabbelte er aufgeregt, und ich setzte meinen ungläubigsten Blick auf, den ich vor langer Zeit erlernt hatte. "Edler Werir", unterbrach ich ihn vorsichtig. "Es tut mir alles sehr leid, was Euch widerfahren ist, doch nun ist es an der Zeit, daß wir uns den wichtigen Dingen zuwenden. Sicher habt Ihr Euch schon Gedanken über den Tod Bráthords gemacht! Und sicher bin ich nicht die erste, die Euch sagt, daß er tatsächlich ermordet wurde, habe ich Recht?"
"Natürlich wurde Bráthord ermordet! Devereux hat mir gestern Abend davon berichtet. Weshalb belästigt Ihr mich also?"
Devereux! Ich war enttäuscht, hatte ich doch angenommen, Grisgrim vom Fleiß meiner Nachforschungen zu überzeugen, indem ich ihm von Neuigkeiten berichte, von denen er keine Ahnung haben sollte.
"Das hatte ich mir schon gedacht" entgegnete ich demnach dumpf. "Dann habt ihr sicher schon jemanden zu seiner Kunnyr geschickt, der ihr einige Fragen über den Tod ihres Mannr stellt."
"Nun", Grisgrim wartete einen Moment, um sich eine gelungene Ausrede einfallen zu lassen, "ich habe auf Euch gewartet. Ihr seid selbst so erpicht darauf, die Lösung zutage zu befördern, daß ich mir nichts sehnlicher wünschte, als Euch diesen Triumph zu gönnen. So könnt Ihr sie bei ihrer Schwester, der Imkerin Kaja Biengrim besuchen." - "Ich weiß", log ich lächelnd und gestattete mir den Zusatz "so wäre es - so es nicht zuviel verlangt ist - sehr freundlich von Euch, mir die Namen der Soldaten der Blymströndervördur zu nennen, die den toten Bráthord aus der Brauerei geschleppt haben."
Grisgrim räusperte sich unsicher, und ich vermutete, daß er keine Ahnung davon hatte, welchem seiner vielen Untergebenen er den Auftrag gegeben hatte. "Ich werde mir überlegen", erwiderte er deswegen, "ob ich Euch die Namen anvertrauen kann. So kommt etwas später vorbei, vielleicht habe ich mich bis dahin entschieden."
Mit einem Lächeln auf den Lippen verabschiedete ich mich höflich von meinem Werir und verließ das Höfdhingrathyrd. Noch einmal drehte ich mich und und fragte: "Die Bestattung des Braumeisters findet heute abend am Ufer des Gyldurfjörds statt, nicht wahr?"
Grisgrim nickte verwundert.

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