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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

Das Hyrdslytt der Imkerin lag etwas außerhalb des Stadtkerns, im Nor meiner eigenen Hütte. Als ich mich dem Gebäude näherte, hörte ich auch schon das Brummen und Summen der vielen fleißigen kleinen Bienchen, die in den Stöcken ihr Zuhause hatten. Des öfteren hatte ich mich schon gewundert, daß um das Hyrd herum eine Blumenwiese lag, eine kleine Oase mitten in der Eiswüste. Doch ich schätzte, es handelte sich um besonders widerstandskräftige Pflänzchen, die sowohl den eisigen Winden wie auch der klirrenden Kälte trotzten. Der Weg führte mich geradewegs durch eine dieser Blumenwiesen hindurch, und ich bückte mich und pflückte eine der Blumen. Sie waren von flachem Wuchs und besaßen einen kurzen, stabilen Stengel, ihre Blätter waren groß und fest und lagen eng am Boden an. Die Blütenblätter standen kolonialbraun bis weiß zu fünft vom inneren gelben Stempel ab. Ihr Duft war betörend. Gutgelaunt steckte ich mir die Blume ins Haar.


Am Hyrdslytt angekommen vernahm ich leise Stimmen, die aus dem Inneren des Holzbaus kamen. Neugier überkam mich, und ich schlich vorsichtig um das Hyrd herum, hoffend, von niemandem gesehen zu werden. Ein Baumstumpf, der direkt vor einem der Fenster an der Hinterseite verwurzelt war, bot eine willkommene Einladung. Ich stieg hinauf und schielte hinter der Lederbespannung des Fensters hindurch.
Ich sah Kaja Biengrim, die Imkerin, wie sie auf den Holzbohlen des Hyrd hin und her ging. Die Kunnyr des Braumeisters konnte ich nicht erkennen - nahm indes an, daß sie auf der Schlafstatt zur rechten des Fensters sitzen mochte - doch hörte ich ihre Stimme leise sagen: "Es mußte so kommen. Er mußte den Preis zahlen. So einfach ist das."
Kaja drehte sich abrupt in ihre Richtung um: "Kalaris! Er war Dein Mannr! Wie kannst Du so reden?" Sie war sichtlich überrascht über die Worte, welche die Kunnyr des Braumeisters von sich gab. Nach einer kurzen Pause hörte ich ein tiefes, endgültiges Seufzen: "Es war an der Zeit, Kaja. Es war schon lange an der Zeit." Schweigen.

Vorsichtig und verwirrt krabbelte ich von meinem Baumstumpf herunter und lief ein Stück die Wiese hinunter, zurück zum Pfad. Dann, als ich meinte, daß die Entfernung nun ausreichen sollte, ging ich schnurstracks über den Weg zum Hyrd der Imkerin zu: "Kaja! Ich bin's! Ist Eure Schwester bei Euch?" rief ich absichtlich laut. Es dauerte nicht lange, bis Kaja aus der Tür trat. Ihr Gesicht war bleich, und ich konnte mir sehr wohl vorstellen, weshalb dies so war: Vielleicht hatte sie gerade mit einer Mörderin gesprochen. Als in diesem Moment auch Kalaris aus dem Dunkel des Zimmers durch die Tür spähte, wurden mir die Knie weich. Ihr Blick durchbohrte mich und ich konnte fühlen, wie sie versuchte, meine Gedanken zu lesen.
Ich versuchte, meine Unsicherheit durch ein überfreundliches "Yrr kvedret, meine Lieben!" zu vertuschen, doch die beiden Kunnyren waren nicht in der Stimmung, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Also ließen sie mich mit zum Gruße ausgestrecktem Arm vor der Tür stehen und gingen zurück in das kleine Hyrdslytt. Der Ledervorhang blieb zur Seite geschoben, was ich als Aufforderung sah, einzutreten.

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