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Des Braumeisters Tod
Autor(en): Moira Wolfsfell
"Yrr kvedret", wiederholte ich munter und wurde von skeptischen Blicken gemustert."Ich nehme an, Ihr möchtet an diesem Tage keinen Honig kaufen?" stellte Kaja mißtrauisch fest.
"Nein danke", antwortete ich höflich, "eigentlich bin ich hierher gekommen, um Eure Schwester Kalaris einiges über den Tod ihres Mannr zu fragen. Ach, und es tut mir sehr leid um Euren Mannr!" fügte ich noch hastig hinzu.
"Jaja", brummte Kalaris, ließ sich auf einem Stuhl nieder und bedeutete mir, mir ebenfalls ein Plätzchen zu suchen. Ich setzte mich ihr gegenüber und schaute sie fragend an.
"Wißt Ihr, er war ein sehr guter Braumeister", begann ich, um das Eis zu brechen. Doch Kalaris starrte mich nur aus dunklen Augenhöhlen an und schwieg.
"Er wird heute abend bestattet" fuhr ich fort, "aber sicher wißt Ihr dies schon."
Ein kurzes Nicken, dann stand Kalaris rumpelnd auf und lehnte sich zu mir über den Tisch:
"Sprecht endlich! Was wollt Ihr von mir? Reicht es nicht, daß mein Mannr gestorben ist? Muß ich nun auch noch mit einer plappernden Stadthalterin ein unnützes Gespräch führen? Stellt Eure Fragen und dann verschwindet!" Dann setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl zurück, überkreuzte ihre Arme und lehnte sich zurück.
"Nun gut, machen wir es kurz", sagte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, was ich eigentlich kurz machen wollte. Ich hatte auch nicht einen Anhaltspunkt, wer der Mörder Bráthords sein könnte. Ich hatte gedacht, in einem netten Geplauder könnte ich die ein oder andere Merkwürdigkeit entdecken, Unstimmigkeiten oder Übereinstimmungen mit anderen Aussagen. Sollte ich mich hier auf das mindeste beschränken, blieb mir nicht viel, was ich fragen konnte. Also begann ich das zu tun, was ich am besten konnte: plappern.
"Bráthord ist, wie Euch vielleicht schon zu Ohren gekommen ist, gestern nacht ermordet worden."
Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu sprechen, um ihr die Ungeheuerlichkeit, daß Bráthord ermordet worden sein könnte, vor Augen zu führen. Doch ihre Reaktion verwunderte mich.
"Und?" fragte sie gleichgültig.
"Ihr wußtet, daß es kein Unfall war?" stutzte ich. Woher konnte sie das wissen? Sofort war ich auf der Hut.
"Natürlich weiß ich, daß Bráthord nicht bei einem Unfall starb!" antwortete Kalaris in diesem Moment und unterbrach meine wirren Gedanken. "Ich bin die Witwe. Man kommt zu mir, wie auch Ihr es tut, und nervt mich mit jeder Kleinigkeit. Er ist tot, und das ist schlimm. Es ist mir egal, wie er starb, denn das holt ihn mir nicht zurück." Sie stützte ihren Kopf in ihre Hand und seufzte.
In meinem Kopf schwirrten zahlreiche Gedanken herum. Sie war eine fantastische Schauspielerin, wie sie dort mit ihrem aufgestützten Kopf am Tisch saß. Das hatte sich eben aber noch alles ganz anders angehört. Als ich von meinem Baumstumpf aus lauschte, kam es mir eher so vor, als ob sie froh darüber war, daß er nicht mehr unter den Lebenden weilte. Ich mußte sie dazu bewegen, mir die Wahrheit zu sagen.
"Nach allem, was ich gehört habe, war Bráthord ein ehrenwerter Mannr. Er war ehrlich und treu, ein Mannr, wie ihn sich jede Kunnyr wünscht. Ich wette, er hat Euch täglich mit kleinen Geschenken erfreut! Und sicher war er ein guter Vater. Sein Sohn Orgus sagte mir, wie glücklich er war, einen Vater wie ihn zu haben."
Ein durchdringener Blick schoß aus ihren schwarzen Pupillen und traf mich geradewegs zwischen die Augen. "Orgus? Orgus sagte Euch, er wäre glücklich? Wem wollt Ihr ein Märchen erzählen?" Im nächsten Moment hatte sie auch schon erkannt, daß ich sie in die Falle gelockt habe. Ein anerkennendes Grinsen huschte über ihr Gesicht. "Nun, Orgus weiß nicht, was er sagt. Wißt Ihr, Bráthord war ein guter Mannr, doch Orgus haßte seinen Vater." Sie überlegte einen Moment und fuhr dann traurig fort: "Ich hoffe nur, daß Orgus zu seiner Bestattung erscheint."
Nun war ich es, die überrascht war. Hatte ich sie falsch eingeschätzt? Sie schien tatsächlich um ihren Mannr zu trauern. "Ich werde heute abend auch dort sein, um ihm meine letzte Ehre zu erweisen. Leider habe ich ihn nicht näher gekannt. Es tut mir leid, daß Ihr das alles mitmachen müßt, Kalaris."
Ich stand auf und ging zur Tür, als sie zu mir sagte: "Ihr ward es, die meinen Bráthord aus den Flammen retten wollte, nicht wahr?"
Ich nickte.
"Danke", hauchte sie, und ich verließ das Hyrd.
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