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Des Braumeisters Tod
Autor(en): Moira Wolfsfell
Trauer trägt manchmal seltsame Züge, mündet in tiefes Schweigen oder rasende Wut, verzweifelte Taten oder einfach in einem Meer aus Tränen. Kalaris erschien mir als eine der Menschen, die sich in ihr Schweigen vergruben. Sie hatte bereits nach einem Tag mit dem Thema abgeschlossen, doch ich war mir sicher, daß unter der harten Schale die Trauer und innere Zerrissenheit früher oder später seinen Tribut verlangen würde. Ich war beschämt, sie gedanklich zu einer Mörderin gemacht zu haben. Andererseits hatte sie in dem Gespräch mit Kaja, welches ich zuvor belauscht hatte, doch eindeutig gesagt, daß es "an der Zeit gewesen wäre". Was war der Grund dafür? Was hatte Bráthord getan, daß er sterben mußte? Und was wußte Kalaris? Ich würde noch einmal mit ihr reden müssen. Doch nicht jetzt. Nicht, bevor ihr Mannr eine anständige Bestattung bekommen hat.Ich lief durch die Studur, geradewegs durch das noch immer leerstehende Botschaftsviertel, und genoß die Ruhe des Nachmittags. Am Horizont erblickte ich einige Jakhs, welche die wenigen Grashalme, die sich durch das schwere Eis drückten, herauszupften. Nicht mehr lange, dann würde der Frühling mit Gewalt in Waligoi einbrechen, die Sonne würde einen Teil des Schnees hinfortspülen und ein grünes Tal aus dem ewigen Eis hervorzaubern. Meine Nase lief und ich wischte sie mir an meinem verbundenen Arm ab. "Diese Kälte", seufzte ich, und verfolgte die müden Wolken, die mein Atem in der Kühle des Nachmittags bildete.
Es war an der Zeit, meinen Werir mit meinem Besuch zu stören, entschied ich und hüpfte frohgelaunt in Richtung Höfdhingrathyrd. Dort angekommen lief ich die Treppen hinauf und stieß die Tür seines Raumes auf. Grisgrim schreckte von seinem Tisch auf. Dabei stieß er mit seinem Arm, der eben noch unter seinem müden Haupte verschränkt war, gegen eine kleine Öllampe, die sofort auf den Boden fiel und das brennende Öl verteilte. Ein Lachen unterdrückend stampfte ich auf dem Boden herum, um den kleinen Brand zu löschen. Grisgrim sprang unterdessen von seinem Stuhl auf und rief "Feuer!", um die Soldaten, die das Höfdhingrathyrd bewachten, zu alarmieren. Als der erste Soldat in der Tür erschien, trat ich gerade das letzte noch zuckende Flämmchen aus. Unter meinen Füßen hatte sich ein großer, verrußter Fleck gebildet. Ich wußte schon jetzt, wer diesen zu beseitigen hatte...
"Moira! Den Mist werdet Ihr wieder wegmachen!" rief mein edler Werir nun ungestüm. "Vid Höggr, könnt Ihr nicht anklopfen?"
"Ich wußte, ich hatte etwas vergessen", grinste ich und setzte gleich zu den wichtigen Fragen an, um ihn abzulenken: "Wer war der Soldat, der Bráthords Leichnam aus den Trümmern der Brauerei zog?"
Grisgrims Blick war bitter. Seine Unfreie machte sich nichts aus Ständen und Titeln und war anmaßend und frech. Sie tat nie, was er ihr befahl, mitnichten: meistens tat sie genau das Gegenteil davon, nur um des Protestes Willen. Und nun stand diese Unfreie vor ihm und grinste ihn fragend an.
"Edler Werir? Wer war dieser Soldat?"
Grisgrim schien es aufgegeben zu haben, gegen mein anmaßendes Verhalten anzugehen. Müde setzte er sich auf seinen Stuhl und lehnte sich zurück. Seine Augen verkleinerten sich, und er starrte mich an.
Allmählich wurde mir seltsam zumute. War ich zu weit gegangen? "Oje, oje, oje", brabbelte ich aufgeregt vor mich hin. Mein Werir kann mir doch nicht böse sein! Kann er nicht. Kann er doch?
"Tyggris."
"Bitte wie?" fragte ich verwundert und ansatzweise panisch. Was dies eine neue Foltermethode? "Oje, oje!"
"Tyggris!" wiederholte er, "der Soldat, der Bráthord aus dem Feuer hinausgebracht hat."
"Achso", stammelte ich unsicher. "Tyggris. Und wo finde ich diesen Tyggris?" Ich hatte meine Sprache wiedergefunden und lächelte meinem gnädigen Werir nun wieder tapfer zu.
"Fragt im Außenposten nach. Am Hafen. Ihr wißt doch sicher, wo der ist."
"Sicher, Grisgrim", antwortete ich flugs und fügte schnell meinen auswendig gelernten Psalm hinzu: "Werir der Heden, Heerführer der Alten Welt, Flutydlydar der Blymströndervördur!" Dabei machte ich eine grazile Verbeugung und hob die Augenbrauen.
Endlich grinste Grisgrim: "Geht endlich, Moira! Geht mir bloß aus den Augen!" Er lachte und ich machte, daß ich fortkam.
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