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Die Ankunft von Julien, dem Knochenbrecher

Autor(en): Moira Wolfsfell

Es war furchtbar! Das Blut klebte überall: am Boden, an der dicken Kunnyr und an Julien. Der Mannr der Schwangeren war unglaublich aufgeregt: Ständig stammelte er davon, daß die Weisen Frauen völlig überfordert wären, daß in seinem hedischen Stamm bereits gestern fünf Barningen geboren wurden, heute schon vier. Die Weise Frau sei am Ende, schickte sie mehr oder weniger wohlwollend nach Ulfurstud, um das Leben der Mutter zu retten, die ohne weitere Hilfe sicherlich bei der Geburt sterben würde. Er wäre keine große Hilfe gewesen wäre, also schob ich ihn kurzerhand aus dem Raum und sagte ihm, er soll in den "Plappernden Wolf" hinübergehen, um sich einen Hedensaft ausschenken zu lassen. Allmählich sollte ich mir Gedanken über meine Geschäftstüchtigkeit machen, so ich doch noch nicht ein Hunr verkauft, sondern alle umsonst ausgegeben hatte - aber dies war eine Überlegung, die ich gerade in diesem Moment nicht anstellen durfte. Es galt, einem Barning auf die Welt zu helfen!
Die ganze Sache war mir unbekannt und nicht ganz geheuer. Mit sicheren Bewegungen, festen Blickes und starker Stimme war Julien dabei, die Kunnyr gleichermaßen zu beruhigen, wie ihr zu helfen, den richtigen Atem zu finden. "Und jetzt preßt!" sagte er ruhig aber bestimmt, und die Kunnyr gehorchte. Auch ich war von seinen Worten so gefesselt, daß ich begann, im gleichen Schlag zusammen mit der Kunnyr zu atmen und meine Bauchmuskeln anzuspannen.
Es dauerte nicht lange, bis der Kopf eines kleinen Barning aus der Kunnyr hervorlugte. Ein seltsamer Anblick, dachte ich mir, als Julien das Barning auch schon an den Füßen packte und mit einem Ruck aus der schnaufenden Mutter herauszog. Er drehte sich zu mir um, hielt mir das schreiende Barning entgegen, und als ich es nahm, schnitt er mit einem scharfen Messer die Verbindung zwischen Mutter und Kind entzwei. "Das war noch nicht alles", murmelte er, als ich unbeholfen mit dem Barning durch das Zimmer lief, verzweifelt auf der Suche nach einem Tisch, Stuhl oder sonstigem, wo ich das plärrende Etwas ablegen könnte. "Moira! Kommt her!" rief Julien in diesem Augenblick. Ich drehte mich um, und wieder hielt er mir ein blutverschmiertes, kleines Ding entgegen. Ich nahm dieses in die zweite Hand und stand - zugegebener Maßen ziemlich verzweifelt - mitten im Zimmer."Die Tücher, Moira, schnell!" rief Julien ungeduldig. Doch ich hatte einfach alle Hände voll zu tun. "Tisch", murmelte ich verwirrt, "Barning...am besten Boden. Egal."
"Was soll ich thun?" hörte ich dumpf, wie durch einen Nebel eine vertraute Stimme im Hintergrund.
"Helft Moira. Ich schaff`s allein!" antwortete die Stimme des Apothekers.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter, die andere faßte an mein Kinn, drehte meinen Kopf herum. "Moira, heh!" Ich las die Worte von des Werirs Lippen, doch hören konnte ich ihn nicht. "Gebt her, ich mach das." Ich stand wie betäubt mitten im Raum und ließ es zu, daß mein Werir mir die Barningen abnahm, gleichzeitig (wie machte er das nur?) ein Tuch auf dem Boden ausbreitete und die Barningen auf denselben legte. "Setzt Euch daneben", befahl er mir in sanften Ton und ich gehorchte.

"Vierlinge", so hörte ich Julien einige Stunden später erzählen, "sind nicht so selten, wie man dies glauben könnte. Und dennoch ist man nie darauf vorbereitet. Doch dank großartiger Hilfe", dabei nickte er mir und meinem Werir aufmunternd zu, "haben wir es geschafft, daß Mutter und Barningen wohlauf sind."
Ich errötete. Wenn hier jemand eine Hilfe gewesen ist, so Grisgrim. Ich hatte kläglich versagt, bin überfordert gewesen und fühlte mich jetzt, nachdem alles vorbei war, als ob mir jemand mit 3 Barnings über den Schädel gehauen hätte.

"Devereux!" Ein Mannr, der vielleicht 20 Lenze auf dem Buckel hatte, sprang zur Tür des "Plappernden Wolfes" hinein. "Devereux! Meine Kunnyr bekommt ein Barning!"
Ich erbleichte, sog die schwere Tavernenluft in mich hinein und lehnte mich zurück. "Eine Yakhmilch für die Stadthalterin!" schrie ich quer durch den Raum - und seufzte.