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Moiras Enzy

Autor(en): Moira Wolfsfell

Kapitel 3

Es war ein wunderschöner Frühlingstag, als die "Styrmtyngverdar" in Askyr anlegte. Die ersten lauen Winde bewegten leise die Segel, und das Holz des alten Skepp knarrte dumpf, als wir den Anker warfen. Ich ging an Land, und die Erkenntnis brannte in meinem Herzen: in der Ferne sah ich die riesige Wagenburg meiner Sippe, deren Zeichen sich hoch über die stehenden Planwagen erhob. Zehn Jahre war es nun her, daß ich meine Familie verlassen mußte, zehn lange Jahre Zeit, zu einer Stridyr zu werden, ausgebildet für die Schlacht und blutrünstig wie die Menn des Schiffes. Ich würde meine Familie wiedersehen.
Als ich die Wagenburg erreichte, wurde ich mit mißtrauischen Blicken bedacht. Doch nur wenige Augenblicke später huschte der Blick des Erkennens über ihre Gesichter, und ich wurde mit großer Freude wilkommen geheißen. "Mo! Du bist wieder da!" "Wie war es auf hoher See?" "Du bist ja eine richtige junge Kunnyr geworden!" Mein Herz pochte heftig, als ich eine ältere Kunnyr sah, die gebückt ob der Jahre, die sie hinter sich hatte, hinter einem Planwagen hervorkam. Gerade, als ich auf sie losstürmen, als ich meine langvermißte Mutter wieder in die Arme schließen wollte, hörte ich neben mir die Worte "Deine Mutter ist im letzten Winter gestorben. Es tut uns sehr leid."
Ein weiterer Blick auf die ältere Kunnyr, deren fremdes Gesicht ich nun aus größerer Nähe sah, ließ mich erkennen, daß es stimmte. Voll Trauer und zerreißender Verzweifelung brach ich zusammen, mein Gesicht tränenbedeckt und die Hände schützend vor meine Brust gelegt. Ich wußte, der Tod ist unvermeidbar, und Hyldyr bestimmt, wann die Zeit gekommen ist, zu sterben, aber es traf mich dennoch wie ein Schlag. "Ich hätte es wissen müssen, ich hätte fühlen müssen, als meine Mutter starb!" Ungläubig schauten mich die um mich stehenden Heden an und schüttelten nur mitfühlend ihre Köpfe.


Meine Mutter hatte es nie leicht gehabt in ihrem Leben. Einst war sie Einwohnerin der Küste Ranabars, bis sie von den Walis auf einer Hymirfahrt geraubt wurde. Aus dieser zweifelhaften Verbundenheit wurden mein jüngerer Bruder Alsdar und ich gezeugt. Doch hat uns unsere Mutter nie spüren lassen, daß sie uns nicht gewollt hat. Sie war eine starke und liebende Kunnyr.

Die früheste Erinnerung, die ich an sie habe, ist die, als ich ungefähr 3 Jahre alt war und eines Tages in ihren Habseligkeiten ein kleines Holzkästchen entdeckte. Neugierig, wie Kinder sind, öffnete ich es. Zum Vorschein kamen eine große Anzahl an Runensteinen. Ich berührte sie, und ein wohlig warmer Schauer durchfuhr mich, eine Gewißheit, in den Armen meiner Mutter Sicherheit und Geborgenheit zu finden. Als in diesem Moment die Plane des Wagens aufgerissen wurde und meine Mutter hineinschaute, ließ ich die Runen erschrocken fallen und zwang mich zwischen Mutter und Rahmen des Wagens hinaus. Kurz darauf spähte ich durch einen Schlitz der Plane und sah, wie sie kopfschüttelnd auf dem Boden kniete, die Runen anstarrte und sie wenig später bedächtig einsammelte und wieder in das Kästchen verstaute. Am Abend noch mußte ich zu ihr kommen, und mir wurde sehr deutlich klar gemacht, daß ich meine Finger von ihren Sachen zu lassen hatte. Seit diesem Tage fiel mir auf, daß meiner Mutter in fast regelmäßigen Abständen ein Bündel mit einer Nachricht von einem Boten zukam, deren Inhalt sie sofort in einer Truhe verschloß. Was in diesen Bündeln war, wußte ich damals nicht, doch sollte ihre Hinterlassenschaft dieses Geheimnis aufklären.

An diesem Abend wurde ein Fest gegeben, das meine Rückkehr ehrte und mir den Abschied von meiner Mutter erleichterte Noch einmal wurde sie an die Tafel gebeten, was meinen inneren Schmerz ein wenig lindern sollte.

Am nächsten Tag brachte man mich zu den übriggebliebenen Habseligkeiten meiner verstorbenen Mutter. Doch meine Erwartungen wurden jäh enttäuscht. Statt einer großen Truhe, in der sie die Geheimnisse aufbewahren sollte, die sie mir so lange vorenthalten hatte, wurde mir nur ein kleines Bündel überreicht. Ich löste die Lederschnur, die das dicke Jahkfell zusammenhielt, und zum Vorschein kam ein Buch und die kleine Holztruhe mit den Runensteinen, die ich vor so langer Zeit als Kind entdeckt hatte.
Enttäuscht, daß ich das Geheimnis meiner Mutter nie erfahren sollte, blätterte ich in dem Buch, vergeblich versucht, die wirren Zeichen zu ordnen und einen Sinn zu erfassen. Als ich es zuschlug, schaute mich die alte Kunnyr, die mich zu meinem Erbe geführt hatte, gleichermaßen traurig wie verwundert an: "Willst Du es nicht lesen, kleine Mo?" - "Lesen?"


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