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Windspiel

Autor(en): Moira Wolfsfell

Ich schlief sehr schlecht in dieser Nacht. Viel zu aufgeregt war ich, innerlich aufgewühlt genau wie die Felle, auf denen ich versuchte, Schlaf zu finden.
Dennoch war ich am nächsten Morgen hellwach, als die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster krabbelten. Ich wusch mich, verteilte ein wenig wasservölkisches Duftöl auf meinen sauberen Körper, zog mir mein ordentlichstes Hemd an und stieg in meinen optimistisch bunten Rock. Der Spiegel an der Wand zeigte eine wirklich hübsche, junge Frau. Ich war zufrieden mit mir.
Ich verbrachte die zähfließende Zeit, in der ich auf Tyggris warten mußte, damit, in meinem Hyrd Furchen in den Holzboden zu laufen. Immer wieder blieb ich vor dem Spiegel stehen, korrigierte das ein oder andere Haar, setzte mich, stand wieder auf, lief herum, schaute aus dem Fenster, hielt Ausschau nach meinem Schwarm und so weiter und so fort. Es war fürchterlich. Ebenso fürchterlich war die Hitze, die auf das Dach meines Hyrds prallte und dieses in eine Schwitzhütte verwandelte.
Als Tyggris endlich an den Türrahmen klopfte, mußte ich ihn einen Schluck* warten lassen, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen, nein, mich doch lieber noch einmal zu waschen - die Haare sehen aus, vid Höggr!, Noch einen Moment, ich bin gleich soweit - schob den Vorhang zur Seite und stand schick und adrett vor ihm. Kein Ton, kein Kompliment. Nur ein wohlwollender Blick aus diesen fröhlichen Augen.
Nun. Das sollte für's erste reichen.

"Ich habe euch etwas mitgebracht", murmelte Tyggris schüchtern und kramte ein klapperndes Etwas hinter seinem Rücken hervor.
"Oh! Wie schön!" lächelte ich zweifelnd und nahm das Ding entgegen.
Eine unschöne Pause entstand. Dann begannen die Mundwinkel meines Gegenüber zu zucken und die Grübchen waren auf dem Vormarsch, die Macht über die Wangen zu gewinnen. "Ihr habt keine Ahnung, was das ist, oder?"
Ich lachte: "Ehrlich gesagt..."
"Das ist ein Windspiel", klärte mich Tyggris auf. "Ich habe es vor einigen Monden von einer meiner vielen Reisen mitgebracht. Dachte, es könnte euch gefallen."
Ich wackelte ein wenig mit dem Spiel, und es begann zu klappern und zu klingen. Der Byrdmannr bedeutete mir, ihm das Kling-Ding zurückzugeben, nahm es und befestigte es einige Schritte weiter an einem Baum. Dann trat er einen Schritt zurück und überließ das Spiel dem Wind, der aus ihm wohlklingende Töne herauskitzelte.
"Oh! Wie schön!" strahlte ich. Diesmal meinte ich es ernst.



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