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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

Jetzt kam Licht ins Dunkel. Aufgeregt stöberte ich in meinen wirren Gedanken nach der Lösung. Es schien so klar! Wie ein durchgedrehtes Jakh rannte ich los zum Höfdhingrathyrd. Ich durchschritt mit großen Schritten die Hallen und fegte die Treppe hinauf, bis ich zur Schreibstube des Werirs kam. Mit ausgestrecktem Arm trat ich forsch auf die Tür zu, um diese aufzustoßen - im nächsten Moment krachte meine Nase auch schon mit einem lauten Knirschen auf die hölzerne Tür, mein Körper folgte sogleich. Ich taumelte einige Fotyren nach hinten und verharrte einen Moment, während schwarze und grüne Blitze durch mein vernebeltes Blickfeld auf die noch geschlossene Tür zuckten. Kurz darauf hörte ich das Klappern von Schlüsseln, die sich in einem Schloß drehen und sah, wie die Tür sich einen Spalt weit öffnete und Grisgrims grinsendes Gesicht zum Vorschein brachte.
"Ihr habt daran gedacht, anzuklopfen, Moira! Ich freue mich sehr", säuselte er süß und eindeutig zu fröhlich. "Wischt Euch Eure Nase ab und setzt Euch. Was habt Ihr mir zu berichten?"
Meine Nase? Wahrlich, sie pochte wie ein Buntspecht im Hochsommer. Mit dem Finger strich ich an ihr entlang und entdeckte, daß sie blutete! Vid myrn yxar! Grisgrim hatte das mit Absicht gemacht! Försakret Istroll!
Ich schniefte und starrte ihn böse an. Doch Grisgrim schien zufrieden. Er legte seine Füße auf den Tisch und schaute mich erwartungsvoll an. "Nun, Unfreie", dabei betonte er das zweite Wort für meinen Geschmack etwas zu sehr, "was wolltet Ihr mir mitteilen?" Sein süffisantes Lächeln zehrte allmählich an meinen Nerven.
Ich brummte einige Ausdrücke, die ich ihm gerne laut hätte an den Kopf geworfen, dann setzte ich mich ungefragt und begann zu erzählen, während ich mir des öfteren mitleidserregend mit meinem Handrücken unter der blutenden Nase herfuhr: "Bráthord war Smutje auf dem Skepp, welches bei der Schlacht um die Blymströnder durch ein Feuer unterging! Keordis war dessen Byrdlydrar!"
"Und?" fragte Grisgrim ungeduldig.
"Nun, der Sohn Keordis..."
Grisgrim unterbrach mich:"Skartur, ja?"
Verdutzt schaute ich ihn an und fuhr fort: "Skartur kam bei der Schlacht ums Leben!"
"Wie 24 andere tapfere Menn", fügte Grisgrim bitter hinzu.
"Genau. Das Feuer brach im Bug des Skepp aus, so sagte es mir ein Soldat, der dies von einem anderen Skepp aus beobachten konnte. Und", ich wagte, einen triumphierenden Unterton in meine Stimme zu legen, "im Bug befindet sich die Kombüse!"
Eine kurze Pause entstand, in der der Werir mich fragend anschaute.
"Versteht Ihr denn nicht? Das Feuer brach in der Kombüse des Skepp aus, dort, wo Bráthord als Smutje arbeitete! Bráthord war ein Säufer, so ich den Dokumenten hier Glauben schenken kann!" Ich mißachtete Grisgrims empörten Blick, als ich auf seine Schriftrollen und Papiere deutete, die ich heute früh durchwühlt hatte. "Er war betrunken, als das Feuer ausbrach, und so konnte er es nicht mehr löschen, sondern sprang von Bord, ohne die anderen zu warnen! Er war damit für den Tod von 24 Menn verantwortlich! Und was besonders wichtig ist: Für den Tod von S...Sk....dem Sohn Keordis! Keordis fährt seitdem nicht mehr zur See. Und er war es auch, der Bráthord aus der Brauerei schaffte! Vermutlich, um die verräterischen Stricke um die Handgelenke des Toten verschwinden zu lassen, mit denen er den Braumeister festgebunden hatte, damit dieser nicht fliehen konnte! Er wollte sich endlich rächen. Und daß er es tat, indem er Bráthord wie seinen eigenen Sohn verbrennen ließ, zeigt nur, wie groß sein Haß gewesen sein mußte!"
Ich schaute Grisgrim mit großen Augen an und nickte ihm, auf eine Bestätigung wartend, zu.
"Moira, ich hätte von Euch weniger geistige Fähigkeit erwartet, das gebe ich zu. Der Gedanke an einen rachebesessenen Mannr ist gut, hat er aber doch einen gewaltigen Haken: Keordis war an dem Morgen, an dem Bráthord starb, bei mir. Und daß die Hände des Leichnams mit einem Strick an einem Balken befestigt waren, ließ er mich heute, kurz nachdem Ihr mir mitteiltet, daß es ein Mord war, wissen."
Die Worte wirbelten haltlos im Nebelschleier meiner Gedanken herum. "Das kann nicht sein!" protestierte ich lautstark. "Keordis MUSS der Mörder sein!" Ich sprang von meinem Stuhl auf und stürzte zur Tür hinaus.

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