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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

Ich nutzte diesen Moment, um mich umzuschauen. Alle waren gekommen. Dort sah ich Isagra, im Arm von einem stattlichen Mannr. Ich vermutete, daß es Keordis war, und es sah so aus, als würde er sich eine Träne vom Gesicht wischen. Am Ufer, nicht weit vom Werir entfernt, standen Orgus und Kalaris. Ich war erstaunt, Orgus hier zu sehen, hatte er doch so abschätzig von seinem eigenen Vater geredet. Doch ist es nicht oft so, daß wir die Menschen, die wir lieben, erst dann erkennen, wenn sie tot sind? Der Körper Kalaris bebte vor Trauer, und sie hatte Mühe, sich zu beherrschen. Als Grisgrim die Fackel erhob, die letzten Worte seiner Rede sprach, die Fackel senkte, um die Holzscheite, die auf dem Skepp gestapelt waren, zu entzünden, da sank sie auf die Knie und schluchzte laut. Ich beobachtete, wie Orgus sich neben sie niederkniete und abwechselnd zu ihr sprach, dann seine Worte gegen den dunklen Himmel richtete.
Die Menn, die noch immer hüfthoch im eiskalten Wasser des Gyldurfjords standen, gaben dem brennenden Skepp einen kräftigen Stoß, auf das es von der Strömung mitgerissen und den Toten ehrenvoll in die andere Welt bringen würde.
Dann ging alles furchtbar schnell. Orgus, der eben noch neben seiner Mutter gekniet hatte, sprang auf und schrie hinaus: "Mördar! Bjarkörtret Mördar!" Er taumelte, ohne von einem der ratlosen und erschrockenen Soldaten aufgehalten zu werden zum Ufer und sprang in die Wellen. Kalaris schrie, doch ihr Schrei verebbte in der Aufgeregtheit der Menschen um mich herum.
Die Soldaten, die eben noch das Skepp in die Fluten gestoßen hatten, waren zu ausgekühlt, um den scheinbar wahnsinnig Gewordenen einzuholen. Alle starrten machtlos auf das grausame Schauspiel, das sich ereignete. Orgus zog sich an der Seite hinauf auf das bereits lichterloh brennende Skepp. Er schrie erbärmlich, als die Flammen seinen Körper berührten, er schrie sich die Seele aus dem Leib. "Ich habe meinen Vater getötet, wie er meinen Bruder getötet hat!" brüllte er ein letztes Mal verzweifelt, dann brach er auf der Leiche seines eigenen Vaters zusammen und ward wie er von den Flammen verzehrt.


Um mich herum war es still geworden. Hier und dort hörte man ein leises, verhaltenes Schluchzen, doch bei den meisten schien Verzweifelung und Ohnmacht in Schweigen zu münden. Auch ich blieb eine Weile regungslos stehen, bis ich begriff, was hier geschehen war: Orgus war der Mörder Bráthords. Der eigene Sohn hatte den Vater aus Rache, da dieser dessen Bruder getötet hatte, umgebracht! Welch verzweifelte Tat eines zerstörten Geistes. Orgus mußte seinen Bruder mehr als alles andere auf der Welt geliebt haben, so sehr, daß er seinen Tod nicht verkraften konnte. Und sein Vater war Schuld daran. Er war es, der aufgrund seiner Trunksucht den Tod des eigenen Sohnes zu verantworten hatte.
Ich hatte also recht gehabt: Es war die Tat eines Mannr, der den Tod eines geliebten Menschen rächen wollte. Nur hatte ich mich in dem Täter geirrt. Die Erkenntnis, daß meine Folgerungen richtig gewesen waren, brachte mir kein Gefühl des Triumphes. Im Gegenteil. Ich fühlte mich kraftlos. Wäre ich früher darauf gekommen, hätte ich vielleicht das Leben Orgus retten können.
Müde und leer begab ich mich zu meiner Hütte. Ich wollte allein sein.

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