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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

Als ich gerade den ledernen Vorhang der Tür zur Seite schob, hielt ich inne. In meinen Magen bohrte sich das bittere Gefühl einer Vorahnung. "Gefahr!" dachte ich und ging einen Schritt zurück. Doch schon im nächsten Augenblick stürzten zwei Menn durch die Tür auf mich zu und hielten mir einen Säbel an den Hals. Ohne ein Wort zu verlieren, begleiteten sie mich in meine Hütte und kamen gleich zur Sache: "Was wißt Ihr über Bráthord? Sprecht!"
"Die Korsaren!" durchfuhr es mich. Diese Diebe und Verräter! Wut brauste durch meinen Körper, als ich erkannte, wie leicht ich in die Falle geraten war. Sie hatten mich in einem Augenblick erwischt, da ich verwirrt und müde war. Doch ich mußte versuchen, einen klaren Kopf zu bewahren.
"Bráthord? Die Bestattung hat gerade eben stattgefunden. Geht ans Ufer, geradeaus, am ersten Baum links! Ihr könnt es nicht verfehlen!" Der Druck des Säbels an meinem Halse brach nicht ab - im Gegenteil, die Klinge maß sich an, sich geradewegs in mich hineinzubohren. "Bráthord", schnaufte ich verzweifelt, "Bráthord. Es war Mord. Sein Sohn Orgus war der Mörder."
"Was habt Ihr gesehen? Erzählt uns die Geschichte mit dem Diebstahl in Bráthords Hyrd!"
Försakret, hörten diese Fragen denn niemals auf? Scheinbar war es ihnen egal, was gerade am Ufer des Gyldurfjords geschehen ist, ihnen war nicht wichtig, was Orgus veranlaßt hatte, seinen Vater zu töten und sich selbst in die Flammen zu werfen. Nein, die Korsaren wollten etwas anderes. Und ich wußte auch, was es war. Mein Nacken begann zu schmerzen, und der Säbel drückte ungemütlich auf meiner Haut. Sollte ich alles leugnen? Doch ich hatte mich bereits verraten, als ich Ayvon gegenübertrat und ihn als Dieb beschimpfte. Also hielt ich es für das beste, die Wahrheit zu sagen: "Es war diese langweilige Schriftrolle!" Nun, sagen wir, die halbe Wahrheit: "Wen stört es? Ich kann sowieso nicht lesen! Vid Höggr, so nehmt doch diesen Säbel von meinem Hals!"
Es wurde still. Ich blickte nach oben in die Gesichter meiner beiden Angreifer und folgte ihren Blicken. Im Türrahmen lehnte Ayvon und grinste frech. "Laßt sie los!" befahl er, und der Druck des Säbels auf meinen Hals ließ nach. Ich rollte meinen Kopf erst nach links, dann nach rechts, und hörte ein entspannendes Knirschen, welches von meinem Nacken herrührte. "Was sollte das, Ayvon?"
"Ich wollte erfahren, was Ihr wißt! Und wie ich sehe, ist das nicht wenig." Er legte fragend seinen Kopf schief.
"Askard!" rief ich aus. "Wen interessiert schon diese dämliche Schriftrolle? Das bißchen Schmuggelware!"
Als ich den Satz beendet hatte, wurde mir plötzlich übel. Ich heimskurd Istroll! Ich wußte, daß er das gleiche über meinen Geisteszustand dachte. Er senkte den Kopf, hob die Augenbrauen und sah mich aus großen, dunklen Augen an: "So, so. Schmuggelware."
Ich mag es nicht, wenn mit mir gespielt wird. Und schon gar nicht, wenn hinter mir zwei mit scharfen Säbeln bewaffnete Menn stehen, die mir in nur einem Augenblick den Kopf vom Rumpf trennen könnten! Das Schlimmste daran jedoch war, daß ich mich selbst in das Elend geworfen hatte. Ich verfluchte mich und hoffte nur, daß ich in der nächsten Welt, die ich wohl in kurzer Zeit betreten würde, nicht von den anderen Verstorbenen ausgelacht würde. Der Angstschweiß rann mir von der Stirn, und ich ärgerte mich über meine Feigheit.

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