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Des Braumeisters Tod

Autor(en): Moira Wolfsfell

EPILOG Der nächste Morgen brach mit einem Schneegestöber herein. Ich wachte auf, als ein Windstoß ein Fell vor meinem Fenster wegriß und mit ihm Schneeflocken durch meine Hütte peitschte. Hastig sprang ich auf und befestigte das Fell mit einem kräftigen Schlag mit dem Rücken meiner Axt. Ein Schauer lief mir den Rücken herunter, und wickelte mich schnell in meinen Umhang ein, um mich gegen die feuchte Kälte zu schützen. Aufs Waschen würde ich heute verzichten, schließlich hatte ich gestern gebadet. Also war das erste, was ich an diesen, wie an jedem anderen Morgen tat, einen Schwarzbohnentrunk zuzubereiten. Das morgendliche Schwindelgefühl war alsbald verschwunden, als ich den letzten Tropfen des Trunkes meine Kehle hinabrinnen ließ. Also sprang ich schwungvoll auf, warf ich mich in meine Kleider und zog meine dicksten Stiefel an. Das feste Fell, welches vor meiner Tür hing, wölbte sich in den Raum. Ich löste dessen untere Ecke und sprang ein Stück zurück. Der Schnee, der eben noch gegen das gespannte Fell drückte, ergoß sich nun in meine Hütte. Was sollte ich mir die Arbeit machen, den Schnee wieder aus meinem Hyrd zu fegen? Irgendwann würde er von allein schmelzen, womit ich dann zwei Wanzen mit einem Fußtritt geschlagen hätte: Ich würde mir heute die schweißtreibende Arbeit ersparen und könnte beim nächsten Großputz auf das Wasserholen verzichten. Welch ein Glück! Ich krabbelte also unbesorgt über den Schneeberg, der sich vor meinem Hyrdslytt großmäulig aufgebaut hatte und machte mich auf den Weg in die Studur. Trotz des Rauschen des Windes, der dicke Schneeflocken auf die Erde warf, dämpfte der weiße Schnee, der eine weiche Decke auf der Ebene gebildet hatte, jedes Geräusch. Kein Vogel pfiff, kein Jakh schrie, die herrliche Ruhe konnte sich ungestört in meinem noch frühmorgendlich verstörten Kopf ausbreiten. Tief atmete ich die wunderbar klare Luft ein. Der Schnee knirschte unter meinen Füßen und mir kam es vor, als sei ich der einzige Mensch in diesem Land. Die Sicht zur Studur war vollends vom Schneetreiben vernebelt, und Schneeflocken schummelten sich frech und kalt unter meinen Kragen. Ich stapfte mit großen Schritten zum Höfdhingrathyrd und begab mich zur Schreibstube des Werirs. Brav klopfte ich an und wurde mit einem donnernden "Herein!" begrüßt. "Yrr morgun", begrüßte ich meinen Werir fröhlich, und auch er schien gutgelaunt. "Yrr kvedret, Moira. Was führt Euch zu mir?" Ich lud ihn auf eine Yakhmilch in den "Plappernden Wolf" ein, und er sprang sofort auf, um sich seinen Umhang umzuwerfen. "Gehen wir", drängte er. Als ich auf die Vielzahl von Papieren und Schriftrollen starrte, die sich auf seinem Tisch stapelten, konnte ich verstehen, weshalb er so schnell wie möglich verschwinden wollte. Auf dem Weg zum Gasthyrd besprachen wir die Geschehnisse der letzten Tage. "Nie hätte ich gedacht, daß Bráthord an dem Feuer, damals auf dem Skepp, Schuld gewesen wäre", begann Grisgrim, "doch als ich gestern nach der Bestattung noch mit Keordis sprach, bestätigte er mir Eure Annahme." "So hatte Keordis es gewußt, doch nie erzählt?", wunderte ich mich. "Nein. Keordis hielt es für besser, Stillschweigen zu bewahren. Nun, vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Bráthord es öffentlich zugegeben hätte und sich seiner Schuld vor dem Höfdhingrath gestellt hätte." "Es ist vorbei", murmelte ich leise. "Ja, das ist es tatsächlich", antwortete Grisgrim ruhig. Eine Pause entstand und mein Werir schaute mir mit festem Blick in die Augen: "Sagt, seit einigen Tagen treiben sich Korsaren hier in Ulfurstud herum. Zuerst dachte ich, sie hätten etwas mit dem Tod des Braumeisters zu tun, doch wurde ich ja am gestrigen Abend eines besseren belehrt. Wißt Ihr, was die in unsere Studur treibt?" Ich schaute ihn an und überlegte einen Augenblick. "Nichts", sagte ich. "Sie wollten nur die wunderschöne Studur, deren Geschichten und Gerüchte so zahlreich und fantastisch sind, bewundern." Mit Absicht wählte ich eben die Worte, die Ayvon mir als Antwort auf die gleiche Frage gegeben hatte. "Ist das so?" fragte Grisgrim zweifelnd. "Ja, das ist wohl so." ENDE