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Moiras Enzy

Autor(en): Moira Wolfsfell

Kapitel 4

Ich verabschiedete mich nicht, sondern schlich noch am gleichen Abend aus der Wagenburg, bepackt mit Proviant, meinem Helm, meiner Axt und dem Bündel meiner Mutter.
Ich war innerlich zerrissen, ob meiner Mutter Tod und zugleich gedemütigt, daß ich ihr Erbe nicht verstand. Gelehrt wurde ich, zu kämpfen, gnadenlos auf den Gegner loszugehen, nicht, ihm Geschichten vorzulesen! Auf der "Styrmtyngverdar" hatte ich wie alle anderen über lesende Heden gelacht: Gelehrte eigneten sich nicht zum Kampf, weil sie vor jedem Schlag überlegten, ob es einen Sinn machte, sich zu prügeln. Was für eine Verschwendung der Gedanken! Doch nun dachte ich anders über das Lesen. Ich würde es lernen, koste es, was es wolle!

Ich band eines der vielen Jakhs los und ritt mit ihm zur nächsten größeren Stadt Nyrorm, meine Gedanken wollten nur weg von der Sippe, weg von meiner Vergangenheit. Es war an der Zeit, Abstand zu gewinnen.

Die Stadt Nyrorm war groß genug, um in ihren verwinkelten Gassen und Straßen zu verschwinden und nicht gefunden zu werden. Die massiven Stadtmauern reckten sich weit hinauf in den Nachthimmel und boten mir ein gefährliches Gefühl der Sicherheit. Doch zur Ruhe kam ich nicht. Ich floh vor mir selbst, rannte stundenlang durch die Stadt auf der Suche nach einer Unterkunft. Ein Pferdestall sollte meinem erschöpften Körper als Obdach dienen.

Die Nacht brach mit einem heftigen Gewitter herein. Grelle Blitze zuckten über das Himmelszelt, und grollender Donner machte die Pferde scheu. Mit meinem Rücken in einer Pfütze liegend wachte ich auf, und sah gerade noch, wie sich mein Jakh losriß und panisch davonrannte. Ich schnappte mir mein Bündel und floh aus dem Stall, froh, nicht von den panisch gewordenen Pferden zertrampelt worden zu sein. Ich jagte meinem Jakh durch die Straßen hinterher, doch mußte ich die Verfolgung bald aufgeben. Müde kämpfte mich durch den Regen und versuchte, in Hütten eine Unterkunft zu finden, doch waren die meisten Einwohner der Stadt nicht bereit, einer wild aussehenden, durchnäßten und schwer bewaffneten Hedin Unterschlupf zu gewähren. Erschöpft erreichte ich eine abseits stehende Hütte und versteckte meine Axt unter Blättern und Gras an einem riesigen, alten Baum, während Höggr helle Blitze über den Himmel sandte, die ein wundervolles Netz von Feuer über den Himmel woben.
Als ich mit letzter Kraft nun unbewaffnet an die Tür klopfte, öffnete ein altes Weib, und bat mich hinein.

Die Hütte bestand aus einem geräumigen Zimmer mit einer Feuerstelle. An den Wänden hingen wunderschön gefertigte Tücher, die den ansonsten karg eingerichteten Raum erst gemütlich machten.
Ich legte meine nassen Sachen ab und ließ mich so, wie Höggr mich geschaffen hatte, vor den weit aufgerissenen Augen der alten Kunnyr auf einen groben Wollteppich nieder, der vor der wärmenden Feuerstelle lag. Schnell sprang sie zu ihrem Bett und brachte mir eine schwere und mit wunderschönen Ornamenten bestickte Decke, die sie mir über den Rücken legte. Wie prüde doch die städtischen Landratten sind, dachte ich mir noch, als mich eine Bettschwere erfaßte, die mich in tiefe Träume zerrte.

Ich träumte von grünen, saftigen Wiesen, von einer mir seltsam vertrauten jungen Kunnyr, die mich liebevoll umarmte. Wieder ein Kind, unschuldig und rein, lief ich durch die Hügel und wunderte mich nicht, daß ich keine Wagen um mich herum sah, keine Menschen, mit denen ich doch groß geworden bin. Die Sonne durchflutete die Ebene, Greifvögel setzten zum Angriff auf kleine Marder und Ratten an, die sie aus so großer Höhe als Ziel erfaßten.
Ich ließ mich auf die Wiese nieder, und spürte die Wärme, mit der mich die Sonne beschien.

Als ich erwachte, war es draußen bereits hell, und neben mir prasselte noch immer leise die Feuerstelle. Die Alte war fort; vermutlich holte sie Holz oder etwas zu essen. Meine Kleidung lag ordentlich über einem Holzhocker an der Feuerstelle, und als ich sie anfaßte, bemerkte ich, daß sie schon trocken war. Wie spät mochte es sein? Ich setzte mich auf und zog mich an. Meine Lederstiefel waren durch die Nässe und das anschließende Trocknen knochenhart geworden, doch das kümmerte mich nicht. Ich griff in einen Korb an der Feuerstelle, in dem sich einige Kanten trockenes Brot befanden und steckte sie in mein Bündel.
Die Sonne stand schräg am Himmel, als ich blinzelnd aus der Hütte trat. Ich drehte mich in die Richtung, aus der ich gekommen war und mußte zu meinem Erschrecken feststellen, daß der Baum, unter den ich am Abend zuvor meine Axt gelegt hatte, kohlrabenschwarz und verbrannt in den Himmel ragte. Höggr hatte die letzte Nacht gewütet und selbst vor einem so alten und mächtigen Baum nicht haltgemacht. Beißender, kalter Rauch stieg mir in die Nase, als ich mich ihm näherte. Ich wühlte in den Blättern am Fuße des Baumes, und endlich fand ich meine Axt. Doch war es wirklich die meine? Als ich die Klinge betrachtete, erkannte ich seltsame Muster, von denen ich wußte, daß es sich um diese Runen handeln mußte. Wieder einmal wurde mir mein Starrsinns vor Augen geführt, der mich daran gehindert hatte, lesen zu lernen. Ich befestigte die gezeichnete Axt an meinem Gürtel und nahm mir fest vor, sie bei nächster Gelegenheit einem kundigen Runenleser zu zeigen.


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