Dekadent
Autor(en): Grisgrim & Moira Wolfsfell
Als ich mich genau einmal um meine Achse gedreht hatte, folgte mein Blick einem Geräusch zu meiner Rechten. Eine Gruppe Uniformierte machte sich daran, ihre Waffen zu ziehen und auf mich loszustürmen. Nun, ja: Zwei Dutzend Krieger sollten noch zu schaffen sein.
Dann jedoch machte sich zu meiner Linken eine Gruppe von schätzungsweise 40 Mann bemerkbar.
Aha! Meine Gedanken waren glasklar, hier mußte ein Nest von ihnen sein...plötzlich bebte die Erde. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie eine Hundertschaft Lanzenträger auf mich losmarschierte.
Also: geordneter Rückzug, hinter mir... absonderliche Kreaturen, an schweren Ketten, geführt von weiteren Soldaten schnitten mir diese Rückzugsmöglichkeit ab.
In der Not lernt der Wali beten - doch vid Höggr!, dies war bei weitem noch keine Notsituation! Abermals kam ich zum Refrain, und meine Stimme wurde laut und fest. Die ersten Gegner erreichten mich, bremsten ab, grinsten siegessicher und umkreisten mich. Sie brüllten und schrien mich an: "Aufgeben" konnte ich dem Stimmengewirr entnehmen. Ich konzentrierte mich voll auf das Lied, es füllt mich aus, ein letztes Mal! Hil-vartagarr!
Plötzlich - und ganz leise vernahm ich ein Summen ein leises Geräusch stahl sich in mein Gehör... Die angreifenden Soldaten schauten mich und ihre Umgebung entgeistert an. Dann begann ich zu begreifen. Jemand hatte in mein Lied angestimmt. Jemand? Hunderte von Menn und Kunnyren bahnten sich ihren Weg durch die Soldaten. Und ich erkannte sie wieder! Sie sahen, alt, verbraucht und zerlumpt aus, trugen meist rostige und verbogene, alte Waffen, doch hatten sie alle ein Funkeln in den Augen und... Sie sangen das Lied! Wer kurze Zeit später vor mir stand, war niemand anders als meine Blumenküstenwache! Menn und Kunnyren, die unter mir gedient hatten, Isgrimnur, der alte Haudegen, der einfach nicht in Ruhestand gehen wollte, Pilgrim, den berühmten Wanderer, eigentlich kein Soldat, aber ein hochgeschätzter Kampfgenosse, Grimhilda, ein kleines zierliches Frauenzimmer, was schon mehr Feinde zerschmettert hatte, als so mancher Krieger in seinem ganzen Leben. Und da Sengolo, Torini, ein Krieger mit unbekannter Vergangenheit, aber unverzichtbar, und... Alle sangen!
Zum Refrain hin schwoll der Chor zu einer unüberwindlichen Macht an.
Ein mir durchaus bekannt vorkommender, alter Aolai... beendete das Lied, bevor die dritte Strophe begann, mit einem "Hil-vartagarr!"
Die Uniformierten schauten betreten zu Boden und ließen sich ohne weiteres entwaffnen. Der alte AoLai trat auf mich zu und salutierte. "Flutydlydrar, wo wart Ihr?" Die Stimme gehörte einem der fähigsten Offizieren Magiras. "Hao Tsu, gut Euch zu sehen" und - entgegen aller Etikette - ergriff ich den vertrauten Offizier am Unterarm.
Dann schaute ich mir den Freund an... Mein Blick verfing sich an ein Rangabzeichen, was er an seiner Kleidung trug
"So, so. Flutydlydrar seid Ihr. Was bin dann ich?"
Hao Tsu lächelte, wie es nur Aolai vollbringen können. Er nahm sein Abzeichen, heftete es kurzerhand an meine Brust und salutierte: "Flutydlydrar, bitte höflichst um Degradierung". Die Menschen meiner Umgebung schauten mich verdutzt an. Zum einen die Fremden in den bekannten Uniformen und die Bekannten in der ungewohnten Zivilbekleidung.
"Hao Tsu, ich degradiere Euch wegen Amtsanmaßung zum einfachen Byrdmannr." Ein Raunen ging durch die Menge, und das sonst so fröhliche Gesicht verzog keine Miene.
Ich holte tief Luft: "Hao Tsu, in Anbetracht Eurer Verdienste und der ungewöhnlichen Situation ernenne ich Euch zum stellvertetenden, zum Tvyr-Flutydlydrar.
"Hil vartagarr!" schrie die Menge, na zumindest die wahren Blumenküstenkrieger.
Hao Tsu salutierte: "Wie lauten Eure Befehle, mein Flutydlydrar?" "Entwaffnet diese komischen Kauze und uniformiert Euch... Uniformen haben wir ja jetzt wieder." "Wer hat hier in Ulfurstud jetzt das Sagen?"
"Die Hohepriesterin Ksyskantia und der Studlydrar Firrell."
Eine kurze Pause entstand. Daraufhin erwiderte ich überzeugt: "Nun dann lautet mein Befehl: Legt Sie in Ketten"
"Aber Sie wird noch von Ihrer Leibgarde bewacht, eine Tausendschaft von Geisterkriegern."
"Soso Geisterkrieger..."
Hao Tsu lächelte mich an, und ich grinste zurück.
Fast synchron bewegten sich unsere Lippen zu dem folgenden Ausruf: "Hil-vartagarr - Tod wir grüßen Dich"
Nachdem die Anwesenden je nach Status ent- oder bewaffnet hatten begann das Lied erneut.
Diesmal sang es die wahre Blumenküstenwache.
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