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Briefwechsel Julien - Moira

Autor(en): Julien Devereux, Moira Wolfsfell

An Ihre Eminenz, die ehrenwerte Moira Wolfsfell
Statthalterin von Ulfurstud


Geschrieben an Bord des Binnenkreuzers "Vlaijing Datschmaehn". Zu dieser Zeit, da Ihr diese Nachricht - so Höggr will - erhalten werdet, hoffentlich wohlbehalten kurz vor der Landung an der Blumenküste.


Teuerste Freundin!

(Verzeiht mir bitte mein forsches Vorgehen, doch die wunderbaren Briefe, die ich innerhalb der letzten Monate von Euch erhalten habe, riefen in mir den Wunsch wach, Euch "Freundin" nennen zu dürfen ...)

Nur noch wenige Sonnenaufgänge, und auch mir und meinen Gehilfen wird der leibhaftige Anblick Eurer wundervollen Stadt vergönnt sein. Der Ruf Eurer Stadt, ja Euer Ruf, erfüllt mich mit großer Vorfreude auf kommende Ereignisse. Besonders berührt mich Eure ausführliche Schilderung, in welcher Ihr beschrieben habt, wie es Euch und Euren Arbeitskräften möglich war, auf die besonderen Anforderungen eines Gebäudes, der zukünftigen Apotheke und Praxis zugedacht, einzugehen. Ich entbiete Euch hiermit nochmals meinen tiefst empfunden Dank.

Bedauerlicherweise hat sich meine Ankunft in Ulfurstud durch das Aufeinandertreffen unglücklicher Umstände und zu einem nicht geringen Anteil bedingt durch das Unbill der Götter, hinausgezögert. Nun aber, da diese Unwägbarkeiten aus dem Wege geräumt sind, trennen uns nur noch wenige Stunden, da wir gemeinsam einen weiteren Schritt im Wachsen und Gedeihen von Eurer - ich erlaube mir zu sagen unserer - Stadt vollziehen können.

Nur kurz zu den Ereignissen, die mein Fortkommen auf solch einschneidende Art behinderten: Dem Rat eines ortskundigen Führers folgend, haben wir unsere bisherigen Last- und Zugtiere (allesamt zu Paranoia neigende Paarhufer) gegen die in Waligoi gebräuchlichen Jakhs einzutauschen versucht. Gute Jakhs zu finden erwies sich als ausnehmend schwer, da (welch wundersamen Fügung?) der überwiegende Teil der weiblichen Tiere just zur selben Zeit trächtig wurden, und deshalb von ihren Besitzern in Hoffnung auf eine Wertsteigerung nur selten auf dem freien Markt feilgeboten werden. So mussten wir schlussendlich mit Tieren vorlieb nehmen, die zunächst einer gründlichen Erholung bedurften. Jedoch - ich wäre kein guter Pharmaceuticus, wenn ich nicht auch für diese Fälle einen Rat hätte. Mit guten, von mir selbst gefertigten Kräutermischungen, die wir sowohl oral, anal, subkutan als auch intravenös verabreichten, gelang es uns, die treuen Seelen innerhalb kürzester Zeit für die Reise aufzupäppeln.
Zu diesem Zeitpunkt war gleichwohl das Schiff, auf dem wir - dank Eurer guten Beziehungen - noch kurzfristig eine Passage buchen konnten, schon in Richtung Ulfurstud aufgebrochen. Ich war der Verzweiflung nahe - wusste ich doch, wie innig meine Ankunft durch Euch erwartet wurde. Was allerdings dann geschah, lässt sich wohl am besten mit dem sicher auch Euch bekannten, alten "geflügelten Wort" beschreiben, wonach die Götter stets ein Fenster öffnen, wenn sie aus für uns nicht nachvollziehbaren Gründen die Türen verschließen.

Ich saß also in einer dieser billigen Spelunken, in die sich bei Einbruch der Nacht die Seeleute zusammenrotten, um Seemannsgarn zu spinnen und dem "wahren Geist der Seefahrt" hochprozentige Opfer darzubieten. Meine Gehilfen waren noch immer mit der schier entmutigend erscheinenden Suche nach einem halbwegs anständigen Quartier für die nächsten Wochen beschäftigt, als sich ein älterer Mann, in dessen Gesicht die harten Jahre auf See deutliche Spuren eingegraben hatten, an meinem Tisch niederließ. Schnell kamen wir ins Gespräch, und jener, der sich mir als Käpt'n Ihglou von der "Vlaijing Datschmaehn" vorstellte, bot mir an, ihn doch auf seiner Reise nach Yggrgard zu begleiten. Auf der Rückfahrt - so gab er mir zu verstehen - hatte er schon seit längerem beabsichtigt, jenes neuerstandene Kleinod an Mir-Küste Waligois zu besuchen, bei welchem es sich um nichts anderes als Eure Stadt handelt!
Und so geschah es, dass wir übernächtigt von dem anschließenden Palaver jedoch glücklich wie kleine Kinder nach der Sonnenwendfeier, schon am nächsten Morgen bei einem kräftigen Wes-Wind in See stachen - Höggr sei´s gedankt!

Angefüllt der Hoffnung, dass Ihr meine Nachricht, die ich Euch via Brieftaube zukommen lasse, bei bester Gesundheit erhalten möget, verabschiede ich mich bis zu unserem ersten persönlichen Treffen

Ihr treuer Freund und untertänigster Diener

Julien Devereux
Pharmaceuticus, Chirogos, Dentist

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