Moiras Enzy
Autor(en): Moira Wolfsfell
Kapitel 6Ein schweres, klobiges Handelsschiff hatte am Kai angelegt. Dutzende Frysen liefen am Hafen herum, be- und entluden das Schiff, feilschten oft laut, verhandelten mit vorgehaltener Hand oder sangen derbe Lieder über das Leben auf See. Ich genoß es, diesem bunten Treiben eine Weile zuzuschauen, bis ich mich aufmachte, den Stryrmannr näher zu betrachten. Er war ein sehr kleiner, glatzköpfiger und stämmiger Mannr, dessen fetter Bauch über dem breiten Gürtel seines Beinkleides hervorquoll. Ich hatte das Gefühl, daß er schlecht sehen konnte, kniff er doch bei Betrachtung seiner schier endlosen Listen seine Augen so zusammen, daß sie nicht mehr zu sehen waren. Er beachtete mich nicht, als ich mich ihm näherte und dabei die kleinen roten Verzweigungen auf seinem Nasenrücken bemerkte: eindeutig ein Indiz dafür, daß er sich gerne der Freude an weinhaltigen Gesöffen hingab.
Als ich ihn von der Seite ansprach, zuckte er zusammen. "Was soll das?! Warum schleichst Du Dich so an mich heran? Willst Du mich zu Tode erschrecken?" "Nein", stammelte ich unsicher, war ich mir doch sicher gewesen, daß er mich schon zuvor bemerkt haben mußte, "ich..." - "Was willst Du, Junge?"
Junge? Der Mannr war tatsächlich halbblind! Nicht, daß ich Kleider trug oder Schmuck, aber dürften doch meine dezenten Rundungen selbst der Aufmerksamkeit eines Blykurdmannr nicht entgehen. Leicht verunsichert ob meiner weiblichen Reize wandte ich mich ihm wieder zu: "Hört zu, Fryas. Ich wollte euch weder erschrecken, noch zu Tode ängstigen. Doch sagt, könnt ihr euch vorstellen, einen jungen Heden eine zeitlang an Bord eures Skepp aufzunehmen?"
"Einen jungen Heden, was? Nun, die Zeiten sind hart, und die jungen Frysen meines Schiffes beschäftigen sich lieber mit hübschen jungen Weibern, anstatt für ihre Sippe zu sorgen. Nun, lassen wir es auf einen Versuch ankommen." Dabei spuckte er sich in die Hand und hielt sie mir entgegen. Ich tat es ihm gleich und reichte ihm die meine. Es machte ein schmatzendes Geräusch, und der Vertrag war besiegelt.
Ich wandte mich an den Styrmannr, um mir meine Aufgaben geben zu lassen. Ich hatte mit Problemen gerechnet, schließlich konnte der Styrmannr sehr wohl erkennen, daß ich kein junger Mannr, sondern eine Kunnyr war - so hoffte ich jedenfalls. Bei den Walis war es unüblich, wenn eine Kunnyr überhaupt nur Herd und Heim verließ. An Bord der "Styrmtyngverdar" hatte man mit mir eine Ausnahme gemacht, und eine Kriegerin, eine Stridyr, ausgebildet. Doch dies kam nur selten vor und wurde von anderen Walis eher belächelt. Doch der frysische Styrmannr musterte mich nur einmal kurz von oben bis unten und sandte mich sogleich los, die schweren Säcke mit rundgelutschten Eiswürfeln von Bord zu schaffen, um sie in großen, mit vielen Decken ausgelegten Kisten zu verstauen.
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