Moiras Enzy
Autor(en): Moira Wolfsfell
Kapitel 7Die Segel flatterten unruhig im Wind, und Gischt schäumte um den Bug, wie Flocken von Schnee. Die "Schwalbe", eines der zahlreichen frysischen Handelsschiffe, wurde von den Wogen umströmt und weich auf und ab getragen. Ich hörte das Holz der Planken behäbig knarren und sog die kühle, salzige Seeluft tief in mich hinein. Zu Hause.
An Deck ging es gar fröhlich zu. Das Schiff wurde vom Sippenoberhaupt gesteuert, und jeder der Familie packte mit an. Schon bald behandelte man mich wie ein Mitglied und mutete mir nun auch die härteste Arbeit zu. Doch ich war froh ob der Verantwortung und der vielen Arbeit, versank ich so nicht in schwermütigen Gedanken von meiner eigenen Familie.
Später dachte ich noch oft daran, wie problemlos die frysischen Menn und Kunnyren miteinander umgingen. Die Aufgaben waren nicht wie bei den Walis nach Geschlecht aufgeteilt, und so war es egal, ob ein Mannr oder eine Kunnyr das Essen kochte, Kleider nähte oder Kämpfe ausfocht. Ich fühlte mich wirklich wohl unter ihnen, aber ich wußte, daß ich bald zu meinem Sippe zurückkehren mußte.
Viele Monde vergingen, in denen ich mehr von Waligoi sah, als es je ein anderer meiner Sippe tun würde. Wir segelten den Hymir entlang, und ich lernte viele Städte kennen, Taihartu, Kordark, Fjordborg, sogar die beeindruckende Hauptstadt Yggrgard.
In einer sternenklaren Vollmondnacht, die Sonne war seit vielen Stunden im Meer erloschen, wälzte ich mich unruhig in meiner Schlafstatt. Der Spätsommertag war für ein Land wie Waligoi, das bekannt ist für seine eisigen Winde, sehr mild gewesen, und der jetzt kühle Seewind vertrieb schon bald die ungewohnte Wärme und umhüllte mich sanft. Meine wirren Gedanken zu bändigen, ging ich an Bord und setzte mich ans Heck des Schiffes, um zu träumen.
Ich schaute hinaus auf die wogende See. Die Wellen zerstoben an der herrlich gearbeiteten Galleonsfigur, das Wasser peitschte an beiden Seiten des Schiffes hinauf und benetzte mich mit einem angenehm kühlen Nebel.
In diesem Moment schossen Bilder durch meinen Kopf, längst vergessen, lange verdrängt. Das verzweifelte Gesicht meines mittlerweile erwachsenen Bruders, dann sein furchtsamer Blick, seine eisige Angst. Fest hielt er seine Axt mit beiden Händen umschlossen, um ihn herum verzerrte Fratzen, Schreie, Hände. Nebel umschloß meinen Blick auf die Ereignisse. Aufs Neue mein Bruder, nun voller Blut: im Gesicht, an den Händen, überall. Ein Schwert, ein Schrei. Und die Bilder verschwanden.
Ohne zu zweifeln schaute ich voll Trauer um meinen verlorenen Bruder zurück auf das weite, dunkle Meer. Die weißen Spuren der "Schwalbe" verschwammen vor meinen Augen. "Alsdar", flüsterte ich, und die Wellen trugen meine traurige Beschwörung hinaus aufs offene Meer. Ich bemerkte die warmen Tränen, die mir über die feuchten Wangen rollten. Es war an der Zeit, nach Hause zurückzukehren.
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