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Windspiel

Autor(en): Moira Wolfsfell

Ein erbärmlicher Gestank weckte mich. Gleichzeitig wurde ich jedoch sanft über die Wange gestreichelt: "Moira! Wacht auf!" - Ein wunderschönes Erwachen, wenn ihr mich fragt.

Tyggris war gerade dabei, mir ein Fläschchen mit einer widerlich stinkenden Flüssigkeit, welches vermutlich dieser Quacksalber Devereux zubereitet hatte, unter die Nase zu halten. "Moira!" brabbelte er nun besorgt. "Wacht auf, Moira!"
Ich kam allmählich zu mir, obwohl ich keine rechte Lust dazu hatte. Die unscharfen Umrisse des scharfen Mannres geleiteten mich zwar auf den Weg aus der Ohnmacht hinaus, doch das gleichzeitige Stöhnen und Knurren im Hintergrund drängten meine Sinne dazu, sich so schnell wie möglich zu verkrümeln. Doch Tyggris gewann schließlich den Wettstreit gegen die hintergründige Geräuschkulisse. Er hörte auf, meine Wange zu tätscheln - nein, hört nicht auf! -, sobald ich die Augen aufgeschlagen hatte, lächelte genugtuend und lehnte sich zurück.

"Ist es nicht herrlich? Nun sitzen wir in der Sonne und wärmen uns an ihren Strahlen."
Während ich meinen Körper zwang, sich aufzurichten, beobachtete ich Tyggris, wie er auf dem Boden saß und entrückt gen Himmel blickte. "Schaut, dort! Ein Regenbogen!"
Ich folgte seinem Fingerzeig und erhaschte plötzlich in meinem Augenwinkel einen dunklen Schatten. Sobald ich meine Sinne klar und deutlich fassen konnte, kombinierte ich Schatten mit Knurren, Knurren mit Stöhnen und war gar nicht seiner Meinung, daß es hier so herrlich wäre: "Tyggris, wir müssen hier weg!" flüsterte ich dem Mannr mit dem wirren Blick hysterisch zu.
"Aber weshalb?" seine Stimme ergoß sich in einen Singsang, welchen besser nicht einmal Brandpfeil hinbekommen hätte.
"Wegen dieses Ungeheuers vielleicht?" Meine Stimme dagegen verband sich zu einer Mischung aus Sarkasmus und Feigheit, falls der geneigte Leser sich diese Kombination vorzustellen vermag.

Ich stand auf und schüttelte meinen Kopf. Der Türsteher meines Gehirns weigerte sich, den unwillkommenen Gast namens Angst hereinzulassen. Stattdessen drängte er ihn eine abgelegene Ecke, in der sich der Verschmähte vermutlich früher oder später nochmal kleinlaut melden würde.
"Tyggris, wir gehen."
Resolut packte ich den verwirrten Mannr am Schlafittchen und zerrte ihn hinter mir her. Er fügte sich der Gewalt und ließ sich von mir ins Dickicht der Bäume ziehen, wo ich meinte, Schutz zu finden. Doch in den dunklen Schatten der Bäume wurden wir viel tiefer in die Seltsamkeit hineingerissen, als zuvor durch dieses schauerliche Wesen. Das Spiel von Licht und Schatten, Schwarz und Weiß, welches uns traf und zu Unfreien machte, die den Wechseln dienten, würde niemand, auch nicht wir, gewinnen. Blaue Lichter vor grüner Teilnahmslosigkeit eines Waldes von unnatürlicher Natur brannten kalt auf unsere noch warmen Körper. Das eiskalte Vergessen ergoß sich über uns und bannte uns in seinem diffusen Schleier. Und während all diese Widersinnigkeiten meine Gedanken durcheinanderwarfen, krabbelten siebenundzwanzig Tausendfüßler meinen Nacken hinauf und erbrachen sich in die Unendlichkeit. Die letzte Bewegung der im Wind Licht und Schatten spielenden Blätter fand ihren Ausgang im Hauch des ersterbenden Atems. Stille.


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