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Moiras Enzy

Autor(en): Moira Wolfsfell

Kapitel 8

Im Hafen von Taihartu ging ich an Land. Ich bedauerte es, die Frysen zu verlassen, hatte ich sie doch während der langen Überfahrt lieb gewonnen. Doch nun war ich endlich soweit, meine eigene Familie wiederzusehen. Früher oder später würde ein walisches Langschiff in den Hafen einfahren und mich in die Stadt Bora bringen, von der ich durch einen Reisenden erfahren hatte, daß meine Sippe in deren Nähe überwintern wollte.

Die nächsten Wochen verbrachte ich in einer gammeligen Schenke namens "Dreckiges Dutzend", deren Schankmaiden der Namensgebung durchaus entsprachen. Ob es tatsächlich ein ganzes Dutzend Kunnyren waren, die die Menn bedienten, konnte ich nicht sagen, doch da es neben der Bedienung in der Schenke noch andere Dienstleistungen gab, die in den hinteren Räumen stattfanden, war dies anzunehmen.

Der Alkohol konnte den Menschen ein wohliges Vergessen bringen, konnte sie von ihren Schmerzen befreien, sie doch gleichzeitig fester an sich binden. So war allabendlicher Ärger vorherbestimmt. Ich verdiente mir mein Geld als Schankmaid, eine der wenigen, die tatsächlich nur für diese Arbeit bezahlt wurden. Jeden Abend versuchte ich, mir meinen Weg durch die Besoffenen zu bahnen, immer bereit, deren dreckige Finger von meinem Körper abzuwehren. Die gierigen Blicke der zu lange auf dem Meer gebliebenen Menn waren demütigend und ekelhaft, brachten mir aber dieses und jene Trinkgeld ein, welches mich Essen und eine vernünftige Unterkunft bezahlen ließ.
Eines Abends begab es sich, daß eine alte Kunnyr, eingehüllt in einen grauen, wollenden Umhang, dessen Kapuze den Blick auf ihr Gesicht verwehrte, in die Schenke trat. Plötzlich entstand eine Totenstille. Die Seeleute hörten einen Augenblick auf zu reden und ihre Krüge und Hunren aneinanderzuschlagen, schauten sich dann verwirrt um - und fielen wieder ein in ihr lautes Gelächter und die "Met her!"-Rufe, so als ob nichts gewesen wäre.
Ich ging auf die Kunnyr zu, schließlich war es meine Aufgabe, sie zu bedienen. Doch ihre Augen, versunken im Dunkel ihres Umhangs, zwangen mich, sie anzuschauen und hielten mich augenblicklich von meinem Vorhaben ab. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als sich unsere Blicke trafen. Ich kniff die Augen zusammen, da ich ihrem Blick nicht mehr standhalten konnte, doch als ich sie wieder öffnete - war sie weg. Ich stürzte hinaus auf die staubige Straße, versuchte, sie zu finden, schaute in jede Gasse, um jede Ecke, in jeden Winkel. Ich wußte, daß ich sie schon einmal gesehen hatte. Doch wo? Ich vergrub mich in meinen Erinnerungen, durchwühlte jeden meiner Gedanken, doch ich konnte mich beim besten Willen nicht an den Ort und die Zeit erinnern, als wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Wie war ihr Name? Ich würde mich daran erinnern, das wußte ich. Früher oder später.
Doch nun spürte ich einen eisigen Wind in meinem Nacken. Innerlich verfluchte ich mich. Wie hatte ich damals so dumm sein können, meine Axt zu verspielen? Doch nun drehte ich mich um und stand ich der Alten gegenüber. Ihr durchdringender Blick fing mich erneut ein, machte mich zu einem abhängigen, leichten Opfer. Wie sicher hätte ich mich mit der Axt in meiner Hand gefühlt. Wie gut hätte ich mich verteidigen können gegen diese alte - greise - und unbewaffnete Kunnyr? Plötzlich wunderte ich mich über meine eigene Feigheit. Hatte ich nicht jahrelang für eine Schlacht geübt, hatte mich nicht mit wahren Stridaren geprügelt, war ich denn nicht sogar bereit gewesen, für einen großen Krieg zu sterben? Was war es, das mir diese Furcht beibrachte? Was?

Die alte Kunnyr streifte ihre wollene Kapuze ab. Ihre Haare waren schlohweiß, und die tiefen Falten auf ihrer Haut ließen erkennen, wie alt sie war. Sie lächelte mich weise an, doch die Kälte, die ich empfand, wurde nicht schwächer. Mißtrauisch schaute ich sie an, versuchte, ihr tief in die Augen zu schauen, ohne von ihrem Blick gefangen genommen zu werden. Sie ließ es zu und gestattete mir einen Blick in ihr Innerstes. Verworrene Bilder, Dunkelheit und eine fast totengleiche Ruhe strahlten aus ihr heraus. Ich wandte meinen Blick ab und trat auf sie zu. In diesem Moment drehte sie sich blitzartig um und huschte davon, schneller, als man es von einer alten Kunnyr erwartete. Ich folgte ihr nicht. Ich wartete, bis das Kribbeln auf meiner Haut verschwand und ich wieder klare Gedanken fassen konnte.

Mein müder Blick senkte sich, und verharrte an der Stelle, an der die alte Kunnyr noch eben gestanden hatte. Etwas Silberndes blitzte plötzlich im Staub der Straße auf, und ich bückte mich und hob es auf. Es war ein Anhänger in Form einer Rune, grob aus Silber gehauen. Schon wieder eine Rune. Schon wieder ein Zeichen, das ich nicht erkannte. Ich steckte den Anhänger ein und verließ diesen seltsamen Ort.


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