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Moiras Enzy

Autor(en): Moira Wolfsfell

Kapitel 9

Es war eine lange Überfahrt nach Boras, doch ohne Hindernisse. Ein walisches Schiff nahm mich auf, nachdem dessen Styrmannr sich von meiner Tatkraft und meinem Mut überzeugt hatte. In Boras angekommen, erkundigte ich mich nach meiner Sippe und erfuhr den Ort ihrer Lagerstätte. Zu Fuß machte ich mich auf, den Ort zu finden. Lange mußte ich nicht wandern, bis ich die Wagenburg mit dem Zeichen meiner Sippe am Horizont entdeckte.
Trotz des unguten Gefühls und der Trauer, die mich überkam, als ich mir darüber klar wurde, daß ich nun ohne meine Familie dieser Sippe folgen würde, freute ich mich, bekannte Gesichter wiederzusehen. Sogleich teilte man mir auf walisch direkte Art mit, daß mein Bruder in der Schlacht um Waligoi zu Tode gekommen ist, als er, umringt von 20 Feinden, mit einem Schwert geköpft wurde. Ich tat so, als sei ich überrascht, doch in meinem Herzen wußte ich schon seit der milden Spätsommernacht, daß ich Alsdar verloren hatte.
Von einer Feier meiner Rückkehr zu Ehren ließen sich die Heden dennoch nicht abhalten. Met und Hedensaft flossen in Strömen, und wir sangen und tanzten bis tief in die Nacht.
Erschöpft und benebelt vom Met ließ ich mich neben der Feuerstelle nieder. Es war später Herbst und eisig, doch lehnte ich das Angebot einer alten Kunnyr dankend ab, mir eine Bettstatt herzurichten. Stattdessen wickelte ich mich in warme Jakhfelle und schaute verträumt in die Sterne. Ich versuchte, die Sternzeichen zu erkennen, die mir meine Mutter damals gezeigt hatte, als ich plötzlich hinter mir eine dunkle Stimme vernahm: "Oh, die kleine, große Stridyr! Nun hast Du keine Axt mehr, mit der Du mich bedrohen könntest! Vielleicht sollte ich Dich nun überfallen!"
Überrascht drehte ich mich um. Der Fusel in meinem Kopf ließ den gefrorenen Boden wie die "Styrmtyngverdar" schwanken, mein Kopf wurde schwer wie Blei und ich merkte, wie das Blut durch meinen Körper rauschte. Vor mir stand ein kräftiger Mannr, mit langen, dunklen Locken, derer einige wirr von seinem Kopf abstanden. Verzierte Goldspangen hielten Rüstung und Umhang zusammen und verliehen ihm ein nahezu heroisches Aussehen. Undeutlich zu erkennen war eine Narbe, die quer über seine Stirn und den Nasenrücken verlief, weitaus deutlicher aber war das spitzbübische Grinsen, das er mir entgegenbrachte.
Er streckte mir eine winzigkleine rote Blume entgegen. Ich faßte an mein Amulett und lächelte.


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